John David Hawkins (* 11. September 1940 in Exmouth; † 17. Dezember 2023 in Minster Lovell, Oxfordshire) war ein britischer Altorientalist und Hethitologe und einer der bedeutendsten Erforscher der anatolischen Hieroglyphenschrift. Gemeinsam mit Anna Morpurgo-Davies und Günter Neumann gelang ihm 1973 ein entscheidender Fortschritt bei der Entzifferung der luwischen Hieroglyphen; weitere grundlegende Beiträge folgten im Verlauf der 70er und 80er Jahre. Besondere Aufmerksamkeit erregte seine Deutung der Karabel-Reliefs Ende der 90er Jahre, die neue Erkenntnisse zur Lokalisierung des hethitischen Wiluša ermöglichte. Mit dem ab der Jahrtausendwende veröffentlichten Corpus of Hieroglyphic Luwian Inscriptions schuf er die maßgebliche Edition der bronze- und eisenzeitlichen hieroglyphenluwischen Inschriften und legte damit die Grundlage für zahlreiche weitere sprach- und geschichtswissenschaftliche Forschungen. Von 1964 bis zu seiner Emeritierung 2005 lehrte er an der School of Oriental and African Studies der University of London (SOAS), zuletzt als Professor für altanatolische Sprachen. 1993 wurde er zum Fellow der British Academy gewählt; von 2008 bis 2022 amtierte er als Präsident des British Institute at Ankara (BIAA).
Leben und Wirken J. David Hawkins war das älteste von drei Kindern des Offiziers John Alexander Sneyd Hawkins und Audrey Joan Spencer. Sein Vater, der zuvor in Oxford studiert hatte, diente als Angehöriger der Royal Artillery in Britisch-Indien, wo er seine spätere Ehefrau kennenlernte. Im Frühsommer 1940 trat sie die gefährliche Rückreise nach England an und gehörte zu den Letzten, die vor dem Fall Frankreichs vom Mittelmeer an den Ärmelkanal gelangten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Devon brachte sie am 11. September 1940 ihren Sohn David im Haus seiner Großmutter in Exmouth zur Welt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sein Vater nach Berlin versetzt; nach seinem Ausscheiden aus der Armee erwarb die Familie 1948 einen Bauernhof bei Okehampton in Davon, wo Hawkins seine Kindheit verbrachte.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. ix; Andrew George/Mark Weeden: Hawkins, David, 2026, S. 293. Das Elternhaus war von einer bescheidenen, weltoffenen Atmosphäre geprägt, die den jungen David nachhaltig formte. Im Hause Hawkins war kein Fernseher vorhanden; stattdessen gehörte das gemeinsame abendliche Vorlesen – vorzugsweise aus den Werken von Dickens, Tolkien und Agatha Christie – zu den festen Ritualen der Familie. Man pflegte zudem freundschaftliche Kontakte zu dem in der Nachbarschaft ansässigen Assyrologen Sir Max Mallowan und dessen Frau; diese Begegnungen mögen den Grundstein für Davids Interesse am Alten Orient gelegt haben.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. ix.
Nach dem Besuch der örtlichen Privatschule Upcott House wechselte Hawkins im Alter von dreizehn Jahren auf das altsprachlich ausgerichtete Bradfield College in Berkshire. Ab 1958 studierte er mit einem staatlichen Stipendium Klassische Philologie und Philosophie („Greats“) am University College, Oxford, unter Lehrern wie A.F. Wells, George Cawkwell, P.F. Strawson und G. Paul; den sprachlich-philologischen Teil des Studiums schloss er mit Bestnote ab. 1962 erwarb er den B.A., 1965 den M.A.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. ix. An der Universität spielte er Schach mit Stephen Hawking, der damals ebenfalls am University College studierte.Andrew George/Mark Weeden: Hawkins, David, 2026, S. 293. Hawkins verfügte über ein ausgeprägtes Talent als Karikaturist und nahm mit seinen Zeichnungen Dozenten und Kommilitonen aufs Korn; zeitweise zog er eine Laufbahn als politischer Karikaturist in Betracht.Andrew George/Mark Weeden: Hawkins, David, 2026, S. 293f.; vgl. auch Dominique Collon: Kayalıdere 1965. David Hawkins’ Caricatures. In: Iraq 72 (2010), S. 1–2 und Tfl. 1–9. Ab 1962 setzte er seine Ausbildung mit einem Postgraduiertendiplom in Vorderasiatischer Archäologie am Institute of Archaeology in London fort, wo er bei Seton Lloyd Archäologie, bei Peggy Drower Geschichte, bei Raphael Loewe Hebräisch und bei Harry Saggs sowie Donald Wiseman Akkadisch studierte. Das Diplom erwarb er 1964 mit Auszeichnung und dem Gordon-Childe-Preis; unter dem nachhaltigen Eindruck des Gilgamesch-Epos hatte er sich inzwischen endgültig von der Klassischen Philologie dem Alten Orient zugewandt.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. ix.
Seine herausragenden Leistungen im Akkadischen führten 1964 zu einer Berufung an die School of Oriental and African Studies der University of London (SOAS), wo er zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war und mit dem Aufbau von Forschung und Lehre im Bereich des Hethitischen betraut wurde. Dort wirkte er seine gesamte akademische Laufbahn hindurch und lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005. Das Hethitische studierte Hawkins bei O. R. Gurney in Oxford, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verband; zugleich widmete er sich der historischen Geographie und Topographie der hethitischen Welt. Die Verbindung von Philologie und Archäologie führte ihn auf zahlreiche Forschungsreisen in den Nahen Osten, zunächst in die Türkei, später auch nach Syrien und in den Irak, die er ab 1967 mit einem VW Käfer unternahm.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. ix–x; Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 4; dies.: Hawkins, David, 2026, S. 294f.; Mark Weeden: John David Hawkins (1940–2023). Online auf bisi.ac.uk [Zugriff am 16. Juli 2026].
Seine archäologische Praxis vertiefte Hawkins 1965 bei den Ausgrabungen der urartäischen Zitadelle Kayalıdere unter Seton Lloyd und Charles Burney. Zwei Jahre später beteiligte er sich an den Grabungen von David und Joan Oates in Tell al Rimah im Nordirak, wo er unter anderem bei der Bergung der Stele des Adad-nirari III. zugegen war und bei der Bearbeitung von Keilschrifttafeln half; die Ergebnisse seiner dortigen Arbeit erschienen 1976 in einer gemeinsam mit Stephanie Dalley und Christopher Walker verfassten Publikation.Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 4; dies.: Hawkins, David, 2026, S. 295f.
Schon in den 1960er-Jahren galt Hawkins’ zentrales Forschungsinteresse dem Hieroglyphenluwischen, einer eng mit dem Hethitischen verwandten Sprache. In der Erkenntnis, wie ungenau die bisherigen Zeichnungen und Publikationen waren, fasste er den ambitionierten Plan, sämtliche Inschriften in einem verlässlichen Corpus zu edieren, und bereiste zu diesem Zweck – unterstützt durch Grabungsteilnahmen 1968 und 1970 sowie ein Stipendium des BIAA 1971 – ab 1965 zahlreiche Museen sowie die verstreuten Fundorte in der Türkei und Nordsyrien.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. ix; Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 4; dies.: Hawkins, David, 2026, S. 296. Von 1976 bis 1981 wirkte er zudem als Epigraphiker bei den Ausgrabungen in Tell Brak in Nordostsyrien mit. In London. Von 1976 bis 1984 war Hawkins Honorary Secretary der British School of Archaeology in Iraq (BISI); bereits 1971 hatte er die Herausgeberschaft ihrer Fachzeitschrift Iraq übernommen, die er mehr als zwei Jahrzehnte lang bis 1994 innehatte. Von 2008 bis 2022 wirkte er zudem als Präsident des BIAA.Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 4; dies.: Hawkins, David, 2026, S. 297.
1973 gelang Hawkins gemeinsam mit Anna Morpurgo Davies und Günter Neumann ein entscheidender Durchbruch bei der Entzifferung des Hieroglyphenluwischen: Die Identifizierung von vier häufig vorkommenden Zeichen bewies, dass die Sprache der anatolischen Hieroglypheninschriften nicht Hethitisch, sondern Luwisch ist. In den folgenden Jahrzehnten folgten weitere grundlegende Beiträge zum Verständnis von Sprache und Schrift; 1975 gelang die Identifizierung der Negationen.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. x; Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 4; dies.: Hawkins, David, 2026, S. 299; Mark Weeden: John David Hawkins (1940–2023). Online auf bisi.ac.uk [Zugriff am 16. Juli 2026]. In den 90er-Jahren konzentrierte sich seine Forschung nahezu ausschließlich auf die luwischen Inschriften. Am SOAS unterrichtete Hawkins Hethitisch, Luwisch und Akkadisch für Studierende im Grund- und Masterstudium. Nach der Emeritierung James Mellaarts 1991 übernahm er zusätzlich die Lehre der anatolischen Archäologie am Institute of Archaeology bis zur Berufung von Roger Matthews 2001.Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 4; dies.: Hawkins, David, 2026, S. 300. An der SOAS galt Hawkins später als graue Eminenz, entzog sich jedoch mit Geschick einer Berufung zum Leiter des Fachbereichs, da er Verwaltungsaufgaben scheute.Andrew George/Mark Weeden: Hawkins, David, 2026, S. 297.
1993 wurde er zum Fellow der British Academy gewählt, 1994 auf den Lehrstuhl für Anatolische Studien an der SOAS berufen und 1998 zum Foreign Member der American Philosophical Society ernannt. Im selben Jahr gelang ihm die Entzifferung des Tarkondemos-Siegels sowie der Inschrift am Karabel-Pass, wodurch die dargestellte Figur als Tarkasnawa, König von Mira, identifiziert werden konnte. Diese Texte, die im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle bei der Identifizierung der Hethiter gespielt hatten, waren über ein Jahrhundert lang einer überzeugenden Lesung entzogen geblieben. Zugleich lieferten die Inschriften wichtige neue Hinweise zur Lokalisierung von Wiluša, das häufig mit dem homerischen Ilion gleichgesetzt wird.Itamar Singer: ipamati kistamati, 2010, S. x–xi; Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 5; vgl. auch Mark Weeden: John David Hawkins (1940–2023). Online auf bisi.ac.uk [Zugriff am 16. Juli 2026]. Um die Jahrtausendwende erschienen die ersten beiden Teile seines monumentalen Corpus of Hieroglyphic Luwian Inscriptions. Während der erste Band vollständig aus seiner Feder stammte, wirkte Hawkins am zweiten Teil als beratend und Herausgeber mit. Bis zu seinem Tod widmete er sich – auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2005 – der Fertigstellung des dritten und abschließenden Teils, der wenige Wochen nach seinem Tod erschien. Die drei Teile des Corpus bilden zusammen eine nahezu vollständige und akribisch erarbeitete Sammlung der bekannten hieroglyphenluwischen Inschriften. Sie stellen eine der bedeutendsten Leistungen der Altorientalistik des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts dar und begründeten erstmals eine verlässliche wissenschaftliche Grundlage für die systematische Erforschung dieser antiken Sprach- und Schrifttradition.Andrew George/Mark Weeden: Professor J. D. Hawkins, 2024, S. 5; Geoffrey Summers/Mark Weeden: J. David Hawkins. 1940–2023, 2024, S. 2. Seine letzten Arbeiten, die er angesichts des herannahenden Todes noch in Angriff nahm, galten dem Nachlass von James Mellaart, dessen Lehrstuhl er 1991 übernommen hatte – speziell dessen Fälschungskorpus, allen voran den vorgeblichen Abzeichnungen hieroglyphenluwischer Inschriften, deren Schwindelhaftigkeit von manchen Forschern bezweifelt wurde, und in denen Hawkins das Potential sah, das Fach dauerhaft zu vergiften.Geoffrey Summers/Mark Weeden: J. David Hawkins. 1940–2023, 2024, S. 2.