Die Équipe Ligier, zwischenzeitlich Équipe Talbot Gitanes, war ein französisches Formel-1-Team, das von Guy Ligier gegründet worden war und seine Wurzeln in dem Leicht- und Sportwagenhersteller Automobiles Ligier hatte. Das Team bestritt von 1976 bis 1996 325 Formel-1-Rennen und erzielte neun Siege. In den späten 1970er-Jahren war Ligier einer der erfolgreichsten Rennställe, mit Beginn der Turbo-Ära ließen die Leistungen allerdings nach. Nach einigen Besitzerwechseln übernahm Alain Prost 1996 den Rennstall, um ihn von 1997 bis 2001 unter der Bezeichnung Prost Grand Prix fortzuführen.

Überblick Entstehungsgeschichte mini|Vorgeschichte: Sportwagenrennen mit dem Ligier JS2 Der 1930 geborene Guy Ligier begann seine Sportlerlaufbahn als Rugbyspieler. Später fuhr er Motorradrennen. 1962 wechselte Guy Ligier, dem Weg seines Vorbilds John Surtees folgend, zum Automobilsport. Ligier nahm an Rallyes und Langstreckenrennen teil und fuhr in der Formel Junior sowie in der Formel 2. 1966 und 1967 schließlich trat er in der Formel 1 an. 1966 nahm er als Privatfahrer mit einem Cooper T81 an fünf Weltmeisterschaftsläufen teil, 1967 mit einem Brabham BT20 an sieben Rennen. Beim Großen Preis von Deutschland wurde Ligier als Sechster gewertet und fuhr einen Weltmeisterschaftspunkt ein. Ab 1968 widmete sich Guy Ligier dem Aufbau des Unternehmens Automobiles Ligier, das 1969 die Produktion von Sportwagen aufnahm. Zu dieser Zeit beendete er seine aktive Karriere im Formel-Sport, nahm aber noch bis 1973 regelmäßig an den 24-Stunden-Rennen von Le Mans teil. Automobiles Ligier begann als gemeinsames Projekt von Guy Ligier und dem französischen Rennfahrer Jo Schlesser. Bevor das Unternehmen seinen Betrieb aufnehmen konnte, starb Schlesser bei einem Unfall beim Großen Preis von Frankreich in Rouen-les-Essarts. Ligier führte das Projekt alleine fort.

Ab 1969 baute Ligier Sportwagen, die teilweise auf Rennsporteinsätze zugeschnitten waren, teilweise aber auch eine Straßenzulassung erhielten. Neben dem Ligier JS2 baute Ligier ab 1972 im Auftrag von Citroën auch das Luxuscoupé SM. Mit dem JS2 schloss das Ligier-Werksteam das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1975 als Gesamtzweiter ab.

Gründung des Formel-1-Teams Das Formel-1-Team der Équipe Ligier wurde im Dezember 1974 gegründet. Grundlage für das Engagement war die Ausrüstung des ehemaligen Formel-1-Teams Matra, die Guy Ligier im Dezember 1974 mit finanzieller Unterstützung des französischen Tabakmonopolisten Société d’exploitation industrielle des tabacs et des allumettes (SEITA) übernommen hatte. Die Verbindung zwischen Ligier und Matra stellte der französische Rennfahrer Jean-Pierre Beltoise her, der in den vergangenen Jahren für beide Rennställe gefahren war: Mit Ligier hatte er Langstreckenrennen bestritten, mit Matra Formel-1-Rennen. Ligier übernahm neben der Ausrüstung auch das gesamte Personal des Matra-Teams einschließlich der Ingenieure Gérard Ducarouge und Paul Carillo, die unter anderem den erfolgreichen Langstreckenwagen Matra MS670 konzipiert hatten. Ducarouge und Carillo entwickelten im Laufe des Jahres 1975 zusammen mit Michel Baujon den ersten Formel-1-Rennwagen für Ligier, den JS5. Der Wagen wurde 1975 in den Räumlichkeiten von SEITA öffentlich vorgestellt und anschließend von Beltoise auf der Rundstrecke von Paul Ricard getestet.Ménard: La Grande Encyclopédie de la Formule 1, S. 332.

Wechselnde Leistungen Das erste Modell der Équipe Ligier hatte in technischer Hinsicht noch einige Ähnlichkeiten mit früheren Matra-Konstruktionen; Mitte der 1970er-Jahre löste sich das Team allerdings von diesen Vorlagen. Bereits im zweiten Jahr seiner Existenz gewann Ligier einen Großen Preis, 1979 war es Dritter und 1980 Zweiter der Konstrukteurswertung. Eine weitere Steigerung gab es nicht. In den restlichen Jahren des Formel-1-Engagements kam das Team nicht über mehrere fünfte Ränge hinaus; in einigen Jahren war es für die Konstrukteurswertung gar nicht klassifiziert. Beobachter waren der Auffassung, dass Ligier in den späten 1970er-Jahren nicht verstanden habe, warum das Team so erfolgreich war; deshalb sei eine kontinuierliche Weiterentwicklung nicht möglich gewesen. Die 1980er Jahre werden in der französischen Motorsportliteratur gelegentlich mit den Worten „Errare Ligierum Est“ umschrieben.Z. P. Ménard: La Grande Encyclopédie de la Formule 1, S: 335.

Sport und Politik Die Équipe Ligier erreichte seit den 1980er-Jahren nur noch wenige sportliche Erfolge. Guy Ligier verfügte über gute Beziehungen zu französischen Politikern, unter anderem war er ein enger Freund des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand und des zeitweisen Ministerpräsidenten Pierre Bérégovoy. Durch diese Kontakte erhielt das Team in vielen Jahren finanzielle Unterstützung von französischen Staatsunternehmen, die als Sponsoren auf den Ligier-Autos warben.Hodges: Rennwagen von A-Z nach 1945, S. 132. Zu ihnen gehörte die staatliche Lotteriegesellschaft Française des Jeux („Loto“) sowie das Tabakmonopol SEITA, dessen Werbung für die Zigarettenmarken Gitanes und Gauloises die gesamte Teamgeschichte begleitete. Die französischen Konkurrenzteams AGS und Larrousse erhielten diese Unterstützung nicht. In einigen Fällen machte Guy Ligier auch seinen Einfluss geltend, um Sponsoren dieser Teams zum Wechsel zu seinem Rennstall zu bewegen.Ménard: La Grande Encyclopédie de la Formule 1, S. 324. Beobachter führten den Ausschluss des Konkurrenzteams Larrousse aus der Konstrukteurswertung im Jahr 1990 auf ein Eingreifen Guy Ligiers zurück.Burchkalter, Galeron: Tout sur la Formule 1 1991. S. 108. 1989 wurde berichtet, dass staatliche Stellen auf Ligiers Veranlassung einen Sponsorvertrag des Konkurrenzteams AGS mit dem Mineralölunternehmen Total verhindert hätten.Motorsport aktuell, Heft 5/1989, S. 7.

Mehrere Wechsel der Eigentümer mini|hochkant|Kurzzeitiger Eigentümer der Équipe Ligier: Flavio Briatore (1994 bis 1995)

In den 1990er-Jahren erlebte die Équipe Ligier eine Reihe von Besitzerwechseln. 1992 verkaufte Guy Ligier den Rennstall für einen Preis von angeblich 200 Millionen Französische FrancNachricht in der Zeitschrift L’Humanité vom 22. Januar 1994. an den französischen Industriellen Cyril de Rouvre, der von 1988 bis 1990 Inhaber des AGS-Teams gewesen war. De Rouvre war nur ein Jahr lang für Ligier verantwortlich. Ende 1993 wurde er in einen Rechtsstreit verwickelt, in dessen Folge er für zehn Monate in Untersuchungshaft genommen wurde. Der Rennstall war zum Jahreswechsel 1993/94 ohne verantwortlichen Leiter. Im Frühjahr 1994 übernahm Flavio Briatore das Ligier-Team, das zu dieser Zeit mit Renault-Motoren fuhr, die als die leistungsstärksten Triebwerke der Formel 1 angesehen wurden und mit Williams 1992 (Nigel Mansell) und 1993 (Alain Prost) die Fahrerweltmeisterschaft gewonnen hatten. Briatore leitete zur gleichen Zeit das Benetton-Team, das bis 1994 mit unterlegenen Achtzylindermotoren von Ford an den Start ging. Ziel der Übernahme Ligiers war es, die Renault-Motoren für die Saison 1995 zu Benetton umzuleiten, sodass Michael Schumacher für die Verteidigung seines Weltmeistertitels über ein leistungsfähiges Triebwerk verfügte. Ligier erhielt stattdessen Honda-Motoren, die Briatore von Minardi übernommen hatte. Die Verbindung zu Benetton führte 1995 zu einem Techniktransfer; der Ligier JS41 war, abgesehen von einigen Besonderheiten im Motorumfeld, weitgehend mit dem Benetton B195 identisch. 1995 wurde der Rennstall von Tom Walkinshaw geleitet, im folgenden Jahr übernahm Alain Prost das Team.

Konstruktionen Ligier war während des gesamten Formel-1-Engagements ein sogenanntes Werksteam, konstruierte also die eingesetzten Autos selbst. Die Fahrzeuge erhielten in Erinnerung an den 1968 tödlich verunglückten Rennfahrer Jo Schlesser jeweils die Bezeichnung JS; zur weiteren Individualisierung waren ungerade Ziffern bzw. Nummern angefügt.Die geraden Ziffern bezeichneten die Straßenfahrzeuge Ligiers.

Die Motoren bezog Ligier von Cosworth bzw. Ford, Matra, Megatron, Lamborghini, Renault und Honda. Eine Partnerschaft mit Alfa Romeo, die für 1987 vorgesehen war, scheiterte kurz vor dem Beginn der Rennsaison.

Renneinsätze Ab 1976 beteiligte sich Ligier an der Formel-1-Weltmeisterschaft. Das Team war 21 Jahre lang in der Formel 1 vertreten. Ligier ist damit das am längsten in der Formel 1 engagierte französische Team.Renault F1 war insgesamt 17 Jahre engagiert (1977 bis 1985 und 2002 bis 2009), Larrousse acht Jahre (1987 bis 1994), Automobiles Gonfaronnaises Sportives (AGS) sechs Jahre, Automobiles Martini ein halbes Jahr (1978).

Die Anfänge 1976 – Debütsaison mini|Ligiers erstes Formel-1-Auto: Der JS5 von 1976 mini|Ligier JS5 von 1976

Die Équipe Ligier meldete sich 1976 unter dem Namen Ligier Gitanes zur Formel-1-Weltmeisterschaft 1976. Der Begriff Gitanes bezog sich auf die gleichnamige Zigarettenmarke, die in Frankreich von Ligiers Geldgeber SEITA vertrieben wurde.

Guy Ligier hatte anfänglich erwogen, bereits in der Debütsaison ein Zwei-Fahrer-Team mit Jean-Pierre Beltoise und Henri Pescarolo zu melden.Hodges: Rennwagen von A-Z nach 1945, S. 133. Kostengründe zwangen ihn allerdings dazu, sich zunächst auf ein Auto zu beschränken. Anlass hierfür war vor allem der hochpreisige Matra-Motor, der doppelt so teuer war wie ein Cosworth-Achtzylinder. Die Fahrerwahl ging zugunsten des jungen Franzosen Jacques Laffite aus.

Einsatzauto war der Ligier JS5, den Matras 1968 konzipierter Zwölfzylindermotor antrieb. Der blau-weiß lackierte Wagen zeichnete sich durch eine sehr große Lufthutze über dem Motor aus, auf der das Bild einer tanzenden Zigeunerin – ein Markenzeichen von Gitanes – zu sehen war. Die Lufthutze brachte keinen technischen Vorteil. Sie diente allein dazu, die Werbeflächen an dem Auto zu vergrößern. Der Ligier JS5 wird deshalb gelegentlich als „rasende Plakatwand“ bezeichnet.

Ligier trat zu allen 16 Großen Preisen der Saison 1976 an und qualifizierte sich zu jedem Rennen. In den ersten beiden Rennen des Jahres fiel Laffite jeweils infolge eines Technikdefekts aus. Beim ersten Großen Preis des Jahres in Brasilien verunglückte Laffite im Zeittraining und beschädigte die Radaufhängung des einzigen einsatzbereiten Fahrzeugs. Guy Ligier und ein Mechaniker stellten das Auto in der darauf folgenden Nacht in der Werkstatt des Fittipaldi-Teams soweit wieder her, dass Laffite am Rennen teilnehmen konnte. Am Rennsonntag schied er allerdings infolge eines Getriebeschadens aus. Beim zweiten Rennen des Jahres in Südafrika qualifizierte sich Laffite für den achten Startplatz, und im Rennen fuhr er die drittschnellste Rundenzeit. Allerdings fiel er später nach einem Motordefekt aus.Ménard: La Grande Encyclopédie de la Formule 1. S. 332. Die erste Zielankunft des Teams ergab sich beim Großen Preis der USA-West: Hier fuhr Ligier dank eines vierten Platzes von Laffite die ersten Weltmeisterschaftspunkte ein. Bei den Großen Preisen von Belgien und Italien wurde Laffite jeweils Dritter. Das beste Ergebnis des Teams war der zweite Platz Laffites beim Großen Preis von Österreich. Insgesamt erzielten Ligier und Laffite in der Debütsaison des Teams 20 Weltmeisterschaftspunkte. Laffite schloss das Jahr als Achter der Fahrerwertung ab, Ligier wurde Sechster der Konstrukteursmeisterschaft. Das Team Penske hatte ebenso wie Ligier 20 Punkte erreicht. Da Penske aber mit einem Sieg ein besseres Einzelergebnis als Ligier aufzuweisen hatte, wurde Penske als Fünfter und Ligier als Sechster gewertet.

1977 und 1978 mini|Ligier JS9