mini|hochkant=1.4|Karte des norischen Limes mini|Areal des Burgus vor der Sanierung (2013) mini|Grabungsskizze, Stand 2017 mini|Rekonstruktionsmodell

mini|Südfassade des 2018 fertiggestellten Schutzbaues

Der Burgus Oberranna, vermutlich identisch mit dem antiken Stanacum, liegt auf dem Gebiet der Marktgemeinde Engelhartszell, Ortsteil Oberranna, im Bezirk Schärding, Innviertel, Bundesland Oberösterreich.

Die aus der Spätantike stammende Kleinfestung wird in der Forschung mehrheitlich als römischer Hilfstruppenstützpunkt und Bestandteil der Festungskette des Donaulimes in der Provinz Noricum angesehen. Sie lag direkt an der Limesstraße und war bis 2007 von einem Gasthaus überbaut. Die Interpretation als Wehrbau war bis 2017 umstritten, da einige namhafte Forscher es für eine Thermenanlage hielten.Christine Schwanzar: 1997, S. 158.Thomas Fischer: 2002, S. 27. Über die historische Entwicklung und die Besatzungseinheiten dieses Stützpunktes ist nichts bekannt. Es gilt heute als das am besten erhaltene römische Bauwerk in Oberösterreich. Der Burgus ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.

Lage und Funktion Die Fundstelle liegt etwa elf Kilometer flussaufwärts von Schlögen, wo sich das Donautal wieder weitet. Die Lage des Burgus an der via iuxta Danuvium, der heute die Bundesstraße 130 folgt, am rechten Donauufer, ermöglichte die Kontrolle der gegenüberliegenden Mündung der Ranna und der durch Niederterrassen gebildeten Flussniederungen (Hans Jüngling). Etwa 100 Meter stromaufwärts bot ein Seitenarm eine geschützte Anlegemöglickeit für Schiffe.Rudolf Noll, Franz Pfeffer und Richard Trampler lehnen diese Ansicht ab, da es sich in diesem Fall um eine vom Rannafluss tief eingekerbte und dicht bewaldete Schlucht handelt, die für germanische Angreifer nur schwer als Sammelraum oder Zugangsweg zur Flussmündung genutzt werden konnte. Richard Trampler hielt es für den westlichen Flankenschutz des Kleinkastells Schlögen (Iovacum). Der durch die Wachmannschaft zu sichernde Limesabschnitt zählte zur Provinz Noricum ripense.

Name Die Identifizierung mit Stanacum, das nur im Itinerarium Antonini (249, 4), einem Reisehandbuch aus dem 3. Jahrhundert, überliefert ist, ist nicht gänzlich gesichert, aber doch sehr wahrscheinlich. Laut diesem Verzeichnis war diese Straßenstation 20 Meilen (29,6 km) von Boiodurum (Passau) und 18 Meilen (26,7 km) von Iovacum (Schlögen) entfernt. Diese Entfernungsangaben treffen genau auf Oberranna zu.Kurt Genser: 1986, S. 39. In den beiden anderen Hauptquellen für den spätantiken Donaulimes, Notitia Dignitatum und Tabula Peutingeriana, wird der Standort nicht erwähnt.

Forschungsgeschichte 1840 wurden die römischen Mauern vom Schlögener Grabungsverein entdeckt und zwischen 1840 und 1842 unter der Leitung Josef Gaisbergers (1792–1871) freigelegt. Man erkannte sie damals schon als Südostmauer (mit zwei runden Ecktürmen) eines Kleinkastells. Der Ablauf und die Befunde der Grabung blieben allerdings undokumentiert, es existieren nur zwei zeitgenössische Federzeichnungen der Südfront mit den beiden Rundbauten an den Ecken.Christine Schwanzar: 1997, S. 157. Bei Nachgrabungen im Jahre 1842 wurden weitere Kleinfunde wie „Keramikgefäße, Varia-Metall, Fragmente von eisernen Sporen, rothirdene Geschirre und Mauerbekleidung“ geborgen. Hans Jüngling berichtete 1953 vom Fund eines Kellers, Ziegel und Keramik (Mitteilung von Rudolf Fattinger). Das Fundmaterial wurde 1958 von Rudolf Noll katalogisiert.

In einer in aller Eile durchgeführten Notgrabung anlässlich der Erweiterung der Bundesstraße wurde 1960 erneut die südwestliche Außenmauer zwischen Haus Oberranna Nr. 5 und der 13 m südlich davon verlaufenden Bundesstraße 130 (Nibelungenstraße) freigelegt, die dem Verlauf der antiken Limesstraße entsprach. Der Ostturm konnte nicht untersucht werden. Bei Baggerarbeiten an einer Geländestufe stieß man erneut auf eine massive Mauerkonstruktion, die dabei teilweise zerstört bzw. ausgerissen wurde. Die verbliebenen Reste des rund 1,6 m hohen aufgehenden Mauerwerks wurden von Lothar Eckhart (Oberösterreichische Landesmuseen) untersucht und konserviert, stellenweise wurden auch noch Nachuntersuchungen vorgenommen. An Kleinfunden wurden Keramikgefäße und Ziegel sichergestellt. Einige der Fundobjekte waren jedoch viel älter als der Burgus. Für den Archäologen Thomas Fischer lag bei diesen Mauerresten kein Festungsbau vor, sondern die Therme eines nahegelegenen Kastells.

Das stark baufällige Wirtshaus wurde zwischen 2006 und 2007 abgerissen. Eine weitere Grabung fand im gleichen Jahr auf Initiative des Bundesdenkmalamtes (Leitung: Andrzej Karbinski) statt. Anlass war die Errichtung eines Neubaus auf dem Nachbargrundstück. Die Parzelle umgibt die unter Denkmalschutz stehende Parzelle 135/1, den Standort des Burgus. Insgesamt wurden vier Suchschnitte angelegt; im Westteil des Grundstücks kam in 0,6 m Tiefe eine Steinlage zutage, die als mittelkaiserzeitlich datiert wurde; weiters konnten Planierschichten in 0,4 m bis 0,5 m Tiefe festgestellt werden, die Fragmente von römischen Dachziegeln (tegulae) und Keramik enthielten. Nach jahrelangen Verhandlungen konnte die Gemeinde mit Unterstützung des Landes Oberösterreich dem Eigentümer das Grundstück 2017 abkaufen. Seit März 2017 legt ein vierköpfiges Archäologenteam der Grabungsfirma Archeonova im Auftrag des OÖ. Landesmuseums (Leitung Stefan Traxler und Wolfgang Klimesch) die Reste des Burgus frei. Hierfür wurde auch die Trasse der direkt am Grabungsgelände vorbeiführenden Bundesstraße etwas nach Westen versetzt.

Entwicklung Am Limes fanden seit Konstantin I. und letztmals unter Valentinian I. umfangreiche Um- und Neubauten statt, die aufgrund des Mangels an Soldaten vor allem die Befestigungen modernisierten und verstärken sollten. Zwischen den etablierten Kastellen wurden zusätzlich Kleinkastelle (quadriburgi oder centenaria) eingefügt. Diese hauptsächlich zur Zeit Valentinians, oft unter großen Anstrengungen errichteten Wehrbauten hatten nur eine kurze Lebensdauer und wurden größtenteils schon im frühen 5. Jahrhundert wieder aufgegeben. Auch der Burgus von Oberranna wurde noch in spätrömischer Zeit durch einen Brand zerstört. Bisher konnte noch nicht geklärt werden, wodurch das Feuer ausgelöst wurde. Um 1500 erfolgte eine erneute Besiedelung des exponierten und hochwassersicheren Areals, das durch den Schuttkegel des Burgus noch mehr herausgehoben wurde. Das noch vollständig erhaltene Untergeschoß des Nordturms wurde in das Fundament des neuen Gebäudes miteinbezogen. Dieser Umstand hat sich im Nachhinein als besonderer Glücksfall erwiesen und die römische Bausubstanz vor der völligen Zerstörung bewahrt. Drei der Türme wurden im Jahr 1960 jedoch durch Baggerarbeiten für die Errichtung einer Tankstelle schwer beschädigt. Von der Mauersubstanz des Südturms und von Teilen des Westturms wurden dabei ca. 1 Meter abgetragen. Bis ins 20. Jahrhundert wurde das Gebäude als Wirtshaus geführt und das Untergeschoß des Nordturms als Weinkeller genutzt. 2007 wurde das ruinöse Gebäude komplett abgetragen, seine Bodenplatte blieb aber zum Schutz der archäologischen Substanz zunächst noch unberührt. Bis 2016 war das Areal wieder vollkommen verbuscht und wurde u. a. als Schrottplatz genutzt. Die Verwurzelung des Pflanzenbewuchses gefährdete jedoch zunehmend die römischen Mauerreste. 2017 wurde daher auch der Pflanzenbewuchs beseitigt. Die anschließend durchgeführten geophysikalischen Untersuchungen enthüllten den bemerkenswert guten Erhaltungszustand der römischen Festung. Nach Abschluss der Ausgrabungen wurde 2018 ein Holz-Stahl-Schutzbau (Grundfläche ca. 1000 m²) über der Grabungsstätte errichtet, um langfristig den Schutz vor Witterungseinflüssen gewährleisten zu können.Onlineinformation zur Pressekonferenz in Oberranna am 1. August 2017: OÖ. Landesausstellung 2018: Der römische Burgus von Oberranna Archäologie – Denkmalpflege – Kulturtourismus.

Burgus Laut den jüngsten Befunden handelt es sich – wie schon lange vermutet – um die Reste eines spätantiken Quadriburgus, ähnlich dem Burgus Untersaal (D), wahrscheinlich aus dem 4. Jahrhundert. Er wirkt in seiner Konstruktion wie eine verkleinerte Ausführung einiger rechteckiger spätantiker Großfestungen. Die Kleinfestung (Zentralraum ca. 15 × 17 Meter, Außenmaße ca. 28 × 29 Meter) war mit ihrer Schmalseite von NO nach SW orientiert. Betreten werden konnte es durch ein Tor zwischen dem Nord- und dem Ostturm, eine der Torwangen konnte 2018 freigelegt werden. Seine Besatzung zählte vermutlich um die 30 Mann. Das fast vollständig freigelegte Mauerwerk erreichte abschnittsweise noch eine Höhe von mehr als zwei Metern, die Fundamente waren bis zu 1,5 Meter tief. Das Kernwerk war an den Ecken zusätzlich mit Rundtürmen (Durchmesser etwa 8–10 Meter) verstärkt. Diese verfügten vermutlich über drei Stockwerke und könnten bis zu 10 Meter hoch gewesen sein. Die in den 1960er Jahren freigelegte, 9,75 m lange SW-Mauer war noch ca. 1,60 m hoch erhalten und maß in der Mitte 1,50 m. Sie bestand aus heißvermörtelten Bruchsteinen. Die Wehranlage lässt sich noch am ehesten mit dem – allerdings erheblich größeren – pannonischen Kleinkastell von Visegrád–Gizellamajor vergleichen. In dessen NW-Turm war ebenfalls ein Heißbad eingebaut.

Nordostturm Seine Mauern stehen noch bis zu einer Höhe von 2,5 Meter aufrecht (Fundamenttiefe 1,5 Meter). Dieser Teil des Burgus wurde vom Gasthof Wagner überlagert, in dessen Keller sich das Untergeschoß des Turms erhalten hat und als Weinlager genutzt wurde. Im 4. Jahrhundert befand er sich noch auf ebenerdigem Niveau. Im Lauf der Jahrhunderte sank er immer weiter ab. Im Spätmittelalter wurde unmittelbar an die römischen Mauern ein zweiter Mauerkranz hinzugefügt, der das heutige Gewölbe des Kellers trägt. Die römische Mauersubstanz wurde im 20. Jahrhundert bei Anlage eines zweiten Kellereingangs teilweise zerstört.

Südostturm Der Turm hatte einen Durchmesser von 4,80 m, die Mauer war 1,60 m breit, die hier ansetzende SO-Mauer gleich stark wie ihr südwestliches Gegenstück. Er wurde 1840 teilweise freigelegt. Man entschied sich, in vorerst als archäologisches Reservat für künftige Untersuchungen noch unter der Erde zu belassen. Seine Position/Ausmaße sind durch eine graue Kiesbestreuung markiert.

Nordwestturm