Das Reichswirtschaftsministerium (RWM) war zuständig für das wirtschaftspolitische Regierungshandeln des Deutschen Reiches während der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus.
Es ging aus dem 1917 eingerichteten Reichswirtschaftsamt hervor.Carl-Ludwig Holtfrerich (Hrsg.): Wirtschaftspolitik in Deutschland 1917–1990. Band 1: Das Reichswirtschaftsministerium der Weimarer Republik und seine Vorläufer. Strukturen, Akteure, Handlungsfelder. 2016, ISBN 978-3-11-046281-4, Kapitel IV: Die Entstehung des Reichswirtschaftsamts aus der Teilung des Reichsamtes des Innern im Krisensommer 1917. (jfki.fu-berlin.de; pdf) Es war das erste selbständige Ressort und wurde mit Zusammentritt der ersten demokratisch gewählten Regierung ab dem 21. März 1919 mit der Bezeichnung Reichswirtschaftsministerium weitergeführt. mini|hochkant=1.5|Haus Cumberland So ordnete es die Verhältnisse zwischen der neu gegründeten Weimarer Republik und ihrer Wirtschaft. Es wurde mit Aufgaben wie der Demobilmachung, Bekämpfung der Inflation, der Reparationen an die Siegerstaaten sowie Wiedergewinnung von Exportmärkten betraut. Das Ministerium gewann schnell neue Kompetenzen in der Preispolitik, der sektoralen Wirtschaftslenkung und der Außenwirtschafts- und Devisenkontrolle. Letztere gewann ab 1929 (Weltwirtschaftskrise) eine besondere Bedeutung. Ab 1920 war das Reichswirtschaftsministerium im Haus Cumberland am Kurfürstendamm zwischen Bleibtreu- und Schlüterstraße in Berlin-Charlottenburg untergebracht.
Von 1933 bis 1945 (Zeit des Nationalsozialismus) war das Reichswirtschaftsministerium eine zentrale Institution, mit deren Hilfe das NS-Regime viele seiner politischen Ziele in die Tat umsetzte, zum Beispiel Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Aufrüstung der Wehrmacht, Förderung der Rüstungsindustrie, Vorbereitung auf die Kriegswirtschaft sowie die Arisierung des deutschen Wirtschaftslebens. Bis zum Kriegsende gab es immer mehr Aufgaben und Zuständigkeiten an andere Reichsministerien ab. Die ehemaligen Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht, Hermann Göring, Walther Funk und Albert Speer zählten später zu den Angeklagten im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher.
Gebäude Der Hauptsitz des Reichswirtschaftsministeriums war in der Behrenstraße 42–45 in Berlin. Mitte November 1943 wurde das Gebäude durch Fliegerangriffe zerstört. Heute befindet sich dort das Humboldt Carré.
Aufgaben 1919 übernimmt das RWM die Aufgaben der Lenkung und Abwicklung der Kriegsrohstoffabteilungen aus dem aufgelösten Reichsministerium für wirtschaftliche Demobilmachung.
Ebenfalls 1919 übernimmt der Jurist und Volkswirtschaftler Kurt Finkenwirth im Ministerium die Aufgaben eines nach dem Ersten Weltkrieg notwendig gewordenen Kommissars für Textilnotstandsversorgung.Waldemar R. Röhrbein: Finkenwirth, Kurt. In: Dirk Böttcher, Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein, Hugo Thielen: Hannoversches Biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 117. (books.google.de)
1920 Auflösung der kurzzeitigen Vereinigung des RWM mit dem Reichsernährungsministerium, nachdem dieses zum neu gegründeten Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft übertritt.
An das Reichsverkehrsministerium werden 1921 die Zuständigkeit für die Binnenschifffahrt und 1926 die Zuständigkeit für die Seefahrt abgegeben.
1923 Übernahme der elektrowirtschaftlichen Gesetzgebung und anderer wirtschaftlicher Aufgaben außerhalb der Kompetenz des Reichsfinanzministeriums mit Auflösung des Reichsschatzministeriums
1933 werden die Arbeitsgebiete Wirtschaftswerbung, Ausstellungs-, Messe- und Reklamewesen an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda abgegeben. Die Aufgaben der Devisenbewirtschaftung werden ebenfalls in diesem Jahr an die neu gegründete Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung abgegeben.
1934 erfolgt die Vereinigung mit dem preußischen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit. Es führt die offizielle Bezeichnung „Reichs- und Preußisches Wirtschaftsministerium“ bis 1938.
1936 gibt es die Zuständigkeit für das Verfügungsrecht über Rohstoffe, Devisen, Arbeitskräfte und Beschaffungsprogramm an die Vierjahresplanbehörde ab. Im Gegenzug erhält das Reichswirtschaftsministerium, im Zuge der Zentralisierung der Wirtschaft, von der Vierjahresplanbehörde die Referate Rohstoffbewirtschaftung, Außenhandelsreferat und das Referat „Der Generalbevollmächtigte für die Eisen- und Stahlbewirtschaftung“.
1941 wird der Bereich Energiewirtschaft auf den Generalinspektor für Wasser und Energie übertragen.
1943 wird mit dem Aufbau der Reichsbergbehörden die neue Hauptabteilung „Der Oberberghauptmann“ geschaffen.
Am 2. September 1943 folgt mit dem Erlass über die Konzentration in der Kriegswirtschaft die Übergabe der Zuständigkeiten auf dem Gebiet der Rohstoffversorgung, Produktion und Rüstungsindustrie auf das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion. Die zivile Produktion, die allgemeine Wirtschaftspolitik, das Handels- und Gewerbewesen, der Bergbau und die Wirtschaftsfinanzierung verbleibt beim Reichswirtschaftsministerium. (vgl. Speer-Erlass vom 29. Oktober 1943)
Struktur Die Struktur des Reichswirtschaftsministeriums nach dem Geschäftsverteilungsplan von 1943:[(Bundesarchiv Bestandsgeschichte R3101 Reichswirtschaftsministerium) ]
Minister- und Staatssekretärbüro (einschl. Pressestelle)
Wehrwirtschaftsangelegenheiten (Sonderabteilung S einschl. Abwehrfragen, Werkluftschutz)
Hauptabteilung I – Personal- und Verwaltungssachen I / 1 Personal I / 2 Verwaltungsangelegenheiten
Hauptabteilung II – Allgemeine Wirtschaftspolitik Büro des Hauptabteilungsleiters II / 1 Wirtschaftliche Gesamtlage Deutschlands II / 2 Bewirtschaftung der gewerblichen Erzeugnisse und Lenkung der Industrie II / 3 Durchführung der Versorgung (Handel, Handwerk, Gewerbe)
Hauptabteilung III – Außenhandel, Devisenbewirtschaftung, Besetzte Gebiete III / 1 Außenwirtschaft III / 2 Ausfuhrförderung, Prüfungsstellen III / 3 Länder. Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftsnachrichten III / 4 ??? III / 5 Devisenbewirtschaftung III / 6 Besetzte Ostgebiete
Hauptabteilung IV – Geld-, Bank-, Börsen- und Versicherungswesen, Finanzierung der Wirtschaft IV / 1 Geld und Währung IV / 2 Geld-, Kredit-, Bank- und Versicherungswesen IV / 3 Finanzierung von Staat und Wirtschaft
Hauptabteilung "Der Oberberghauptmann"
Liste der Reichswirtschaftsminister Name (Lebensdaten) Amtsantritt Ende der Amtszeit Partei Rudolf Wissell (1869–1962) 13. Februar 1919 15. Juli 1919 SPD Robert Schmidt (1864–1943) 16. Juli 1919 24. Juni 1920 SPD Ernst Scholz (1874–1932) 25. Juni 1920 9. Mai 1921 DVP Robert Schmidt (1864–1943) 10. Mai 1921 21. November 1922 SPD Johann Becker (1869–1951) 22. November 1922 12. August 1923 DVP Hans von Raumer (1870–1965) 13. August 1923 5. Oktober 1923 DVP Joseph Koeth (1870–1936) 6. Oktober 1923 23. November 1923 parteilos Eduard Hamm (1879–1944) 30. November 1923 15. Dezember 1924 DDP Albert Neuhaus (1873–1948) 15. Januar 1925 26. Oktober 1925 DNVP Rudolf Krohne (1876–1953) 27. Oktober 1925 5. Dezember 1925 DVP Julius Curtius (1877–1948) 19. Januar 1926 11. November 1929 DVP Paul Moldenhauer (1876–1947) 12. November 1929 23. Dezember 1929 DVP Robert Schmidt (1864–1943) 24. Dezember 1929 29. März 1930 SPD Hermann Dietrich (1879–1954) 30. März 1930 26. Juni 1930 DDP Ernst Trendelenburg (1882–1945) 27. Juni 1930 8. Oktober 1931 parteilos Hermann Warmbold (1876–1976) 9. Oktober 1931 28. April 1932 parteilos Ernst Trendelenburg (1882–1945) 29. April 1932 30. Mai 1932 parteilos Hermann Warmbold (1876–1976) 1. Juni 1932 28. Januar 1933 parteilos Alfred Hugenberg (1865–1951) 30. Januar 1933 29. Juni 1933 DNVP Kurt Schmitt (1886–1950) 29. Juni 1933 3. August 1934 NSDAP Hjalmar Schacht (1877–1970) 3. August 1934 26. November 1937 parteilos Hermann Göring (1893–1946) 26. November 1937 15. Januar 1938 NSDAP Walther Funk (1890–1960) 5. Februar 1938 5. Mai 1945 NSDAP Albert Speer (1905–1981) 5. Mai 1945 23. Mai 1945 NSDAP
Liste der Staatssekretäre Name Amtsantritt Ende der Amtszeit ParteiJulius Hirsch 1919 1923 ParteilosErnst Trendelenburg 1923 1932 ParteilosKarl Schwarzkopf 1932 1933 ParteilosPaul Bang 1933 1933 DNVPHans Posse 1933 1938 ParteilosRudolf Brinkmann 1938 1939 ParteilosFriedrich Landfried 1939 1943 ParteilosFranz Hayler 1943 1945 NSDAP Otto Ohlendorf 1943 1945 NSDAP
Behörden
Reichsbergbehörde mit den Oberbergämtern als Mittelinstanz und den Bergämtern als untere Instanz. Reichswirtschaftskammer Reichsamt für Wirtschaftsausbau
Nachfolger Im Nachkriegsdeutschland trat an dessen Stelle in den westlichen Besatzungszonen das Verwaltungsamt für Wirtschaft (ab März 1948: Verwaltungsamt des vereinigten Wirtschaftsgebietes). Mit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes entstand auf dem Gebiet der Bundesrepublik das Bundesministerium für Wirtschaft. Auf dem Gebiet der DDR wurden für den Wirtschaftssektor eine Fülle von Spezialministerien geschaffen, die jeweils für einzelne Wirtschaftszweige zuständig waren. Für die Liste der DDR-Ministerien der Wirtschaftszweige, vgl. Ministerien der DDR.
Siehe auch Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft
Weblinks Deutsches Reich. Reichswirtschaftsministerium (36.1936 - 39.1939,21): Ministerialblatt für Wirtschaft, Berlin : Heymanns.
Deutsches Reich. Reichswirtschaftsministerium (39.1939,22 - 45.1945,3): Ministerialblatt des Reichswirtschaftsministeriums, Berlin : Heymanns.
Einzelnachweise
Deutsches Reich Wirtschaft Kategorie:Behördengründung 1917 Kategorie:Aufgelöst 1945 Kategorie:Behrenstraße Kategorie:Kurfürstendamm