mini|Lageskizze (nach 1950)
Das Arbeitslager Workuta (, Kurzform , deutsch Workutaer Besserungsarbeitslager, kurz WorkutLag) war ein Besserungsarbeitslager (ITL) des Gulag-Systems für politisch Verfolgte und Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Das Lager befand sich nördlich der Stadt Workuta im Norden der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Komi.
Geschichte Das Workuta-ITL – eines der größten und härtesten Zwangsarbeiterlager des Gulag – bestand offiziell vom 10. Mai 1938WORKUTA-ITL. Portal MEMORIAL Deutschland e. V., online auf: gulag.memorial.de/ und war noch in den 1960er Jahren in Betrieb.Vladimír Bystrov: Únosy československých občanů do Sovětského Svazu v letech 1945–1955. Edition Svědectví, hrsg. vom Úřad dokumentace a vyšetřování zločinů komunismu ÚDV, eine Einrichtung des Innenministeriums der Tschechischen Republik, Prag 2003, 343 Seiten, ISBN 80-7312-027-5, online auf: szcpv.org/..., Abschnitt Ozerlag, S. 271. Bereits vor 1938 existierte in dem Gebiet ein Besserungsarbeitslager, welches im Zuge der sogenannten Uchta-ExpeditionAnne Applebaum: Der Gulag. Siedler Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-88680-642-1, S. 116–121. entlang des Flusses Petschora entstanden war. Deswegen trug das Lager auch den offiziellen Namen Workuta-Petschora-ITL oder kurz WorkutPetschLag. Schon 1929 wurden Expeditionen in die Teilrepublik ASSR der Komi ausgesandt, um herauszufinden, ob die bereits seit zaristischen Zeiten vermuteten großen Mengen an Bodenschätzen dort vorzufinden seien. Diese Expeditionen in den Norden des Urals bestanden aus Geologen, die aus Konzentrationslagern stammten und ihre Freilassung versprochen bekamen, und Angehörigen der Geheimpolizei OGPU. Spätestens nach Probebohrungen im Jahr 1931 wurden enorme Rohstoffvorkommen nachgewiesen und Schätzungen von 1937 zufolge war in der Region um Workuta mit etwa 37,5 Milliarden Tonnen Steinkohle neben Erdgas, Erdöl u. a. zu rechnen. Aufgrund des hohen Bedarfs an Kohle im Zuge der forcierten Industrialisierung der Sowjetunion wurde daher 1929 in der unwirtlichen Gegend von Workuta, die kaum ein Arbeiter freiwillig betreten hätte, eine Siedlung durch die etwa 9000 dahin verschleppten Zwangsarbeiter errichtet, um die Rohstoffe abzubauen.Wladislaw Hedeler und Horst Hennig (Hrsg.): Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953. Leipzig 2007, S. 26–28. Von 1948 bis 1954 gehörte das Sonderlager des MWD Nr. 6, das RetschLag (Flusslager), zum Lager-Komplex von Workuta.
Belegung Im Arbeitslager Workuta waren gleichzeitig bis zu 73.000 Personen inhaftiert. Insgesamt waren es weit über eine Million Männer und Frauen verschiedener Nationalitäten, die als Häftlinge beziehungsweise Kriegsgefangene nach Workuta zur Zwangsarbeit verschickt wurden. Davon kamen etwa 250.000 auf unterschiedlichste Art und Weise ums Leben.Hedeler, S. 31. Die genaue Anzahl deutscher Gefangener ist unklar. Karl Wilhelm Fricke geht davon aus, dass etwa 40.000 bis 50.000 Deutsche aus der SBZ/DDR von 1945 bis 1955 durch sowjetische Militärtribunale verurteilt und davon 20.000 bis 25.000 in die Sowjetunion verschleppt wurden.Mike Müller-Hellwig: Workuta – Symbol sowjetischer Barbarei und deutschen Widerstands. In: Jan Foitzik, Horst Hennig (Hrsg.): Begegnungen in Workuta. Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente. 2., durchgelesene Auflage, Leipzig 2003, S. 89. Andere Zahlen sprechen von nur 5.000 Verschleppten, wovon etwa ein Drittel nach Workuta gekommen sein soll.Hedeler, S. 40. Hinzu kommen noch Tausende Russlanddeutsche, die vor dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion lebten und nach dem deutschen Angriff 1941 inhaftiert wurden, sowie die in der Sowjetunion inhaftierten Kriegsgefangenen. Aus den letztgenannten Gruppen kamen allerdings nicht alle Gefangenen auch nach Workuta, weswegen die genaue Zahl schwer zu ermitteln ist (von den 370.000 Wolgadeutschen waren es beispielsweise etwa 13.000Leonid Pawlowitsch Kopalin: Die Rehabilitierung deutscher Opfer sowjetischer politischer Verfolgung. (= Reihe Gesprächskreis Geschichte, Heft 10), Bonn 1995, S. 15.). Fest steht aber, dass das Zwangsarbeitslager in Workuta zum Hauptzielort für deutsche Gefangene in der Nachkriegszeit wurde.Peter Erler: Zehn Jahre Sowjetische Militärgerichtsbarkeit in Deutschland. In: Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. (Hrsg.): Kriegsgefangene – Politische Häftlinge – Rehabilitation. (= Zukunftsforum Politik, Nr. 11), St. Augustin 2000, S. 17f.
Gründe für Inhaftierung, Verurteilung und Verschleppung Waren Ende der 1930er Jahre noch fast ausschließlich Sowjetbürger, insbesondere Ukrainer, inhaftiert, die hauptsächlich wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt und eingesperrt wurden, so änderte sich das Bild der Zusammensetzung des Lagers im Laufe des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Zeit. Nun kamen unabhängig von Alter, Geschlecht oder Beruf vermehrt deutsche Kriegsgefangene und andere deutsche Bürger nach Workuta, die vermeintliche oder tatsächliche Mitglieder oder Helfer der NSDAP oder generell „potentiell gefährliche Deutsche“, zum Beispiel Sozialdemokraten, waren.Kopalin, S. 19. Hinzu kamen darüber hinaus tatsächliche oder angebliche Kollaborateure aus den osteuropäischen Ländern wie ehemalige Angehörige der sowjetischen Armee, die sich selbst zuvor in deutscher Kriegsgefangenschaft befunden hatten und des Vaterlandsverrats bezichtigt wurden, sowie weitere Ostmitteleuropäer, die sich nicht den neuen kommunistischen Machthabern unterwerfen wollten. Entweder wurden die Gefangenen gleich zur Todesstrafe oder aber zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach dem Krieg Verurteilte wurden zumeist nach Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches, der dehnbare Begründungen wie „antisowjetische Agitation und Propaganda“, „konterrevolutionäre Aktivitäten“ und „Bandenbildung“ beinhaltete, belangt.Hedeler, S. 35–37. Die Geständnisse wurden meist nach stundenlanger Folter erpresst. Mitunter war auch reine Willkür der Grund für die Verhaftung, wie das Beispiel eines Rumänen zeigt, der als ein gewisser „Pedru“ verhaftet und verschleppt wurde, aber weder so hieß, noch jemanden kannte, der diesen Namen trug.Heinrich Paul Fritsche: Workuta 1953. Die Terrormaschine. In: Jan Foitzik, Horst Hennig (Hrsg.): Begegnungen in Workuta. Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente. 2., durchgelesene Auflage, Leipzig 2003, S. 147.
Unumstritten ist, dass die Verhaftung, Verurteilung und Deportation so vieler Menschen auch durch wirtschaftliche Beweggründe motiviert war. Fest steht überdies, dass sich Lawrenti Pawlowitsch Beria in seinem Amt als Volkskommissar für Innere Angelegenheiten und damit als höchster Verantwortlicher über das gesamte Gulag-System stets darüber beklagte, dass in den Lagern zu wenige Arbeitskräfte vorhanden waren, um den Bedarf des Staates zu decken. Dabei war es Beria auch selbst, der die zu erreichenden Fördermengen an Ressourcen immer wieder nach oben korrigierte. So legte er zum Beispiel 1941 fest, dass sich der Ertrag des Kohleabbaus in den Jahren 1942–1948 zu verzehnfachen habe. Durch diese Planvorgaben erhöhte sich der Bedarf an Zwangsarbeitern.Hedeler, S. 29.
Haftbedingungen Bereits beim Transport von Gefangenen, beispielsweise aus der SBZ/DDR, herrschten unmenschliche Bedingungen. So kam es etwa vor, dass drei Personen in Ein-Mann-Zellen eines als Postwaggon getarnten unbeheizten Zuges gesperrt wurden, sodass immer nur einer sitzen konnte, während die anderen standen, bis sie irgendwann vor Erschöpfung zusammenbrachen. Die Verpflegung war völlig unzureichend. Tagesration war lediglich eine Handvoll gesalzener Heringe, 300 g Brot und ein Becher Wasser.Roland Bude: Workuta. Strafe für politische Opposition in der SBZ/DDR. (= Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Band 30), Berlin 2010, S. 56. Transporte aus Westeuropa mussten in der belarussischen Grenzstadt Brest auf die Breitspurbahn umgespurt werden, was drei bis fünf Tage dauerte, an denen die Gefangenen in einem heruntergekommenen Gefängnis untergebracht waren. Kälte, Eisenbetten ohne Matratzen oder Decken und „Myriaden“ von Wanzen machten den Gefangenen zu schaffen.Müller-Hellwig, S. 95. Ähnliche Zustände herrschten auch an anderen Zwischenstationen.
Je nach Grund der Verurteilung kamen die Gefangenen in unterschiedliche Lager, entweder in das WorkutLag oder das Retschlag (alias Flusslager). Das Lager existierte als untergeordnete Struktureinheit des WorkutLag vom 27. Januar 1948 bis zum 26. Mai 1954. In ihm kamen hauptsächlich Schwerverbrecher unter, während im WorkutLag vor allem Gefangene wegen politischer Vergehen und kleinerer Straftaten untergebracht wurden.Hedeler, S. 36 f.
Am Zielort waren die Gefangenen im Winter der bitteren Kälte am nördlichen Polarkreis ausgesetzt. Temperaturen von bis zu −56 °C und die von September bis Mai stürmende Purga setzten den meist unzureichend bekleideten Deportierten erheblich zu. Lediglich im Sommer waren die Temperaturen erträglich. Die primitiven Baracken aus Holz, in denen die Gefangenen ebenso mit Unmengen von Wanzen und anderem Ungeziefer zu kämpfen hatten, konnten der Kälte nur wenig entgegensetzen. Auch den sowjetischen Machthabern war klar, dass das Arbeiten bei solchen Temperaturen nur schwer möglich sein würde, weshalb im Freien nur dann gearbeitet werden musste, wenn die Temperatur über −36 °C lag. Lag die Temperatur darunter, musste zumindest nicht draußen gearbeitet werden. Der typische Alltag war in 10-Stunden-Schichten eingeteilt, wobei der Arbeitsablauf immer wieder durch Leibesvisitationen und Vollzähligkeitskontrollen unterbrochen wurde, obwohl die Fluchtwahrscheinlichkeit relativ gering war, denn die Chance tendierte gegen null, nach einer erfolgreichen Flucht in der Öde der Nordpolarkreisregion überleben zu können.Bude, S. 57–64.
Neuankömmlinge im Lager wurden häufig Opfer von Raubüberfällen durch Schwerkriminelle, die sich zu regelrechten Banden zusammenrotteten. Dies wollte die Lagerleitung eigentlich verhindern, indem sie alle drei bis sechs Monate die Zusammensetzung der Lager und Arbeitsgruppen mit der Absicht änderte, es nicht zu Verbrüderungen und Gruppenbildungen kommen zu lassen. Da allerdings einige der Wärter mit Gefangenen zusammenarbeiteten, wurden die Raubzüge oftmals toleriert.Bude, S. 57–59. Zusätzlich überwachten Spitzel des NKWD die Insassen und achteten darauf, dass sich keine verschwörerischen Gruppen bildeten. Je Lagerabteilung gab es etwa zwei bis drei Spitzel,Hedeler, S. 49. die oft entlarvt und dann durch Lynchjustiz abgestraft wurden. Das anschließende Geständnis brachte den „Tätern“ meist weitere 25 Jahre Zwangsarbeit ein.Bude, S. 72 f.
Körperliche Hygiene war in Workuta nur eingeschränkt möglich. Zahnbürsten und Zahnpasta gab es jahrelang nicht; Seife wurde nur in kleinen Portionen einmal pro Woche ausgegeben. Duschen war zwar täglich möglich, wurde aber nur gestattet, wenn unter Tage gearbeitet wurde. Unzureichend war auch die medizinische Versorgung. Medikamente und Narkosemittel gab es kaum. So mussten die ebenfalls inhaftierten Ärzte, die sich zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung mitunter noch im Studium befunden hatten, beispielsweise einem Gefangenen ohne Betäubung den Zeh amputierenMüller-Hellwig, S. 103 f. oder anderen den Blinddarm oder Nierensteine ohne Narkose entfernen.Bude, S. 60. Neben häufig selbst zugefügten Verletzungen, um der anstrengenden Arbeit wenigstens für eine Weile zu entgehen, litten die Gefangenen zumeist an Mangelerkrankungen, da die Nahrung keine oder kaum Vitamin- oder Eiweißbestandteile besaß, teilweise gefroren oder verdorben oder durch das nahe gelegene atomare Versuchsgebiet Nowaja Semlja radioaktiv kontaminiert war.Müller-Hellwig, S. 104.