mini|Rhein-Mosel-Fachklinik, Teilansicht, Luftaufnahme (2016) miniatur|Das klinische Zentrum für Neurologie und Psychiatrie miniatur|Gebäudegruppe mit Haus Eifel links, dem Konferenzzentrum in der Mitte und Haus Nette rechts Die Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach ist ein Behandlungszentrum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie in Andernach in Rheinland-Pfalz. Träger ist das Landeskrankenhaus, eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Die Klinik ist Zentrum eines gemeindepsychiatrischen Versorgungsverbundes mit Tagesklinik, Institutsambulanz und komplementären, außerklinischen Versorgungsaufgaben. Sie ist akademisches Lehrkrankenhaus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und beschäftigte 2011 rund 1400 Mitarbeiter.

Die Klinik wurde 1876 als „Provinzialirrenanstalt“ eröffnet. Einen besonderen Einschnitt in der Anstaltsgeschichte bilden die Euthanasieverbrechen während des Nationalsozialismus und die Nutzung als „Zwischenanstalt“ für die Tötungsanstalt Hadamar. Mindestens 929 Insassen von Andernach starben in der Anstalt selbst und mindestens 1400 Menschen wurden von der Anstalt aus zur Tötung nach Hadamar gebracht bzw. deportiert. Die Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre war geprägt vom veränderten gesellschaftlichen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen. Mit der nationalsozialistischen Vergangenheit setzte man sich seitens der Klinik erst ab Mitte der 1990er Jahre auseinander.

Lage und Beschreibung miniatur|Übersicht über die Anlagen Die Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach liegt südlich des Stadtkerns von Andernach an der linken Rheinseite auf einem weitläufigen, geringfügig abschüssigen Areal mit ausgedehnten Grünanlagen. Begrenzt wird das Areal im Osten von der Aktienstraße, im Nordwesten von der Vulkanstraße und der Roonstraße, im Süden der Kurt-Schumacher-Straße und im Südwesten der Merianstraße. Der Rennweg teilt das Gelände in den größeren Nord- und den kleineren Südteil.

Der Südteil besteht im Wesentlichen aus Betriebsgebäuden mit Küche, Heizzentrale, Werkstätten, Lager und Magazin, dem ehemaligen Gutshof und der Gärtnerei. Auch ein Sportplatz ist vorhanden.

Der Nordteil bildet den Kern der Anlage mit dem Klinischen Zentrum und dem Haus am Rennweg im Westen, dem älteren Gebäudekern mit den Häusern Nette, Rheintal, Kirchberg, Moseltal, Eifel sowie dem Konferenzzentrum, dem Verwaltungssitz und der Kirche im Ostbereich, und im Norden dem Haus Westerwald (früher Maria-Hafner-Haus), dem Haus Vulkanstraße und der Kindertagesstätte. Neben einer Minigolfanlage und den Parkanlagen stehen das Haus Krahnenberg und das Haus Martinsberg.

Tageskliniken befinden sich in Cochem, Koblenz und Mayen.

Organisation Die Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach als Lehrkrankenhaus der Universitätsmedizin Mainz ist ein Behandlungszentrum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie in differenzierter Leistungsstruktur. Träger ist das Landeskrankenhaus als Anstalt des öffentlichen Rechts.

Es gibt folgende Fachabteilungen: Abteilung für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie: In diesem Klinikbereich werden alle Patienten von 18 bis 60 Jahren – in Einzelfällen auch Ältere – untersucht und behandelt, soweit sie nicht an einer Suchterkrankung leiden. Vielfach sind es Menschen mit schweren akuten Krankheiten wie schizophrenen Psychosen, manisch-depressiven Erkrankungen oder seelischen Störungen nach Gehirnverletzungen. Daneben werden Patienten mit „Burnout-Syndrom“, Depressionen und weiteren psychischen Erkrankungen versorgt. Abteilung für Suchtmedizin und Sozialpsychiatrie: Diese Abteilung bietet ein Entgiftungsprogramm für Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige an. Abteilung Gerontopsychiatrie: Auf vier Stationen werden Patienten behandelt, die das 60. Lebensjahr vollendet haben. In Einzelfällen werden auch jüngere Patienten medizinisch versorgt, sofern die Gerontopsychiatrie für sie bedarfsgerecht ist. Abteilung für Neurologie und Klinische Neurophysiologie (Akademische Lehrabteilung der Universitätsmedizin Mainz): In der Neurologischen Abteilung werden Patienten mit allen Arten von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (Gehirn und/oder Rückenmark), der peripheren Nerven sowie der Muskulatur behandelt. Die Abteilung verfügt über eine Stroke-Unit und eine neurologische Intensivstation.

Die mehr als 1.000 PlanbettenInformation der Website, abgerufen am 15. Juni 2011 umfassende Klinik ist Zentrum gemeindepsychiatrischer Verbundsysteme mit Tageskliniken, Institutsambulanz und komplementären außerklinischen Versorgungsaufgaben. Sie beschäftigt rund 1400 Angestellte.

Eng verbunden ist die Rhein-Mosel-Fachklinik mit den Psychiatrischen und Heilpädagogischen Heimen Andernach (PHP) und der Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie.

Die Psychiatrischen und Heilpädagogischen Heime Andernach betreuen Menschen mit psychischen, geistigen und anderen Behinderungen im Rahmen der sogenannten Eingliederungshilfe. Die Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie ist eine Maßregelvollzugseinrichtung mit 390 Behandlungsplätzen ebenfalls in Trägerschaft des Landeskrankenhauses. Der Hauptsitz der Einrichtung ist Weißenthurm.

Geschichte Gründung als Provinzialirrenanstalt miniatur|Plan der Anlage von 1876 Die Provinzialirrenanstalt Andernach war eine von fünf Anstaltsgründungen in der Rheinprovinz als Nachfolgeanlagen für die Irrenheilanstalt Siegburg. In der einstigen Vorzeigeanstalt in Siegburg herrschten infolge dauerhafter Überbelegung sowie hygienischer und technischer Überalterung katastrophale Zustände. Mehrmals waren Epidemien in der Anstalt ausgebrochen. Jahrzehntelang war in die Anstalt nicht investiert worden, da sie in den Augen der Politiker des Provinziallandtags zu teuer war.Bettina Bouresh: 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach. In: Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach Festschrift zum 125-jährigen Gründungsjubiläum 2001. S. 18. Der seinerzeitige Direktor Werner Nasse deckte 1864 die Zustände gegenüber einer Kommission des Provinziallandtags schonungslos auf. Man war derart entsetzt, dass der 18. Provinziallandtag bereits im Folgejahr 1865 Vorschläge von Nasse aufgriff und beschloss, dass jeder der fünf Regierungsbezirke der Rheinprovinz eine eigene, neu zu errichtende Anstalt erhalten sollte.Bettina Bouresh: 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach. In: Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach Festschrift zum 125-jährigen Gründungsjubiläum 2001. S. 19. 1868 genehmigte die Regierung in Berlin diese Pläne.Diplomarbeit Herbert Heintz: Beitrag zur Geschichte der psychiatrie am Beispiel der LNK Andernach unter besonderer Berücksichtigung des pädagogisch-therapeutischen Einsatzes von Laienhelfern. Mai 1986, S. 101.

Alle fünf Anstalten, in Grafenberg für den Regierungsbezirk Düsseldorf, in Düren für den Regierungsbezirk Aachen, in Bonn für den Landkreis Bonn, in Merzig für den Regierungsbezirk Trier und in Andernach für den Regierungsbezirk Koblenz sollten die gleichen Strukturen haben. Sie sollten für alle Krankheitsbilder offen sein, durch räumliche Nähe eine schnelle Behandlung ermöglichen und auf zweihundert bis dreihundert Patienten beschränkt sein. Es wurde darauf geachtet, dass die Anstalten abseits der Städte lagen, aber verkehrstechnisch gut erreichbar waren, um Ruhe und Abgeschiedenheit zu gewährleisten. Zu jeder Anstalt gehörte auch eine landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Die wirtschaftliche Selbständigkeit der Anstalten wurde dadurch gefördert und die Arbeitskraft der Patienten konnte effizient eingesetzt werden.Bettina Bouresh: 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach. In: Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach Festschrift zum 125-jährigen Gründungsjubiläum 2001. S. 19–20.

Umfangreiche Planungen gingen dem Bau voraus. Am 15. April 1872 wurde der Grundstein für die Anstalt in Andernach gelegt, nach Grafenberg die zweite der fünf geplanten Anstalten. Örtlich war sie nach der seit 1835 bestehenden Irrenbewahranstalt St. Thomas die zweite Institution, die sich der „Irrenpflege“ widmete. An der von Andernach nach Mayen führenden Aktienstraße war ein Areal von knapp zwölf Hektar ausgewählt worden, auf dem vier Patientenhäuser für je hundert Männer und Frauen errichtet wurden. Haus 1 diente für je 16 männliche und weibliche Patienten als Pensionat, das heißt, dort wurden „gut situierte“ Patienten als Selbstzahler untergebracht. Haus 2 war für je 44 „ruhige“, Haus 3 für je zwanzig „halbruhige“, zehn „unreinliche“ und zehn „besonders zu beobachtende“ Kranke eingerichtet. Haus 4 war für „unruhige“ Patienten vorgesehen. Hinzu kamen Gebäude für die Verwaltung, Wirtschaftsanlagen und erste Wohnbereiche für Angestellte.Bettina Bouresh: 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach. In: Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach: 125 Jahre Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach Festschrift zum 125-jährigen Gründungsjubiläum 2001. S. 20.

Nach vier Jahren Bauzeit wurde die Anstalt am 15. Oktober 1876 eröffnet.

Konzeption Es gab bedeutende Unterschiede zum alten Siegburger Konzept. Zum einen gab es jetzt in jedem Regierungsbezirk eine Anstalt, statt dass alle Kranken der Rheinprovinz einzig in Siegburg untergebracht wurden. Zudem wurden nun nicht nur als „heilbar“ eingestufte Patienten aufgenommen, sondern auch solche, die man eigentlich für „unheilbar“ hielt. Siegburg hingegen war als reine Heilanstalt konzipiert gewesen, so dass „unheilbare“ Kranke der Versorgung durch kommunale Versorgungseinrichtungen, Privatanstalten oder Familien überlassen worden waren. An der Kritik, die Nasse an diesem Prinzip geübt hatte, drückte sich auch der wachsende Zweifel der Psychiatrie aus, wissenschaftlich zwischen Heilbarkeit und Unheilbarkeit unterscheiden zu können.Stefan Elsner: Die Anfänge der „Rheinischen Provinzialirrenanstalt Andernach“. In: Die Heil- und Pflegeanstalten für Nerven- und Gemütskranke in Bendorf. Rheinisches Eisenkunstguss-Museum, Bendorf-Sayn 2008, S. 110. Zum Konzept gehörten auch der Zugang zu einem Krankenhaus vor Ort und die Beschäftigungsmöglichkeit der Kranken im Rahmen der Landwirtschaft. Nasse hatte erkannt, dass regelmäßige und mannigfache Beschäftigung die Hauptsache in der Krankenbehandlung sei.Stefan Elsner: Die Anfänge der „Rheinischen Provinzialirrenanstalt Andernach“. In: Die Heil- und Pflegeanstalten für Nerven- und Gemütskranke in Bendorf. Rheinisches Eisenkunstguss-Museum, Bendorf-Sayn 2008, S. 112. So wurden in den ersten acht Jahren bereits 40 bis 50 % der männlichen und 60 bis 70 % der weiblichen Patienten zur Arbeit angehalten.Stefan Elsner: Die Anfänge der „Rheinischen Provinzialirrenanstalt Andernach“. In: Die Heil- und Pflegeanstalten für Nerven- und Gemütskranke in Bendorf. Rheinisches Eisenkunstguss-Museum, Bendorf-Sayn 2008, S. 114. Dabei war der Arbeitseinsatz vorerst den ruhigen Patienten vorbehalten.Peter Eller: Richard Snell, der erste Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Herborn. In: Christina Vanja (Hrsg.): 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. Jonas Verlag, 2011 S. 66.

Die Patienten waren in vier Pflegeklassen aufgeteilt, die unterschiedlich untergebracht, versorgt, bekleidet und behandelt wurden. Der geringere Teil der Patienten gehörte als Selbstzahler zur ersten, zweiten und dritten Klasse. Die meisten Patienten gehörten zur vierten Klasse, der „Normalklasse“, deren Pflege von den öffentlichen Fürsorgeträgern bezahlt wurde.Stefan Elsner: Die Anfänge der „Rheinischen Provinzialirrenanstalt Andernach“. In: Die Heil- und Pflegeanstalten für Nerven- und Gemütskranke in Bendorf. Rheinisches Eisenkunstguss-Museum, Bendorf-Sayn 2008, S. 113. Speziell bei der Versorgung der Selbstzahler konkurrierte man mit privaten Anstalten, von denen es 15 allein im Regierungsbezirk Koblenz gab.