mini|Tarcisio Kardinal Bertone 2010 Tarcisio Pietro Evasio Kardinal Bertone SDB (* 1./2. Dezember„Ich wurde in der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 1934 (…) geboren“. … „Am Gemeindeamt wurde der 1. als Geburtstag eingetragen, bei der Pfarrei der 2. Das ist auch der Grund, warum mein Geburtsdatum beim Staat anders aufscheint als bei der Kirche: in den weltlichen Dokumenten steht der 1., im Päpstlichen Jahrbuch dagegen der 2. Dezember.“ (Tarcisio Bertone im Interview mit 30giorni, Heft 08/2006, gesehen im Oktober 2017). 1934 in Romano Canavese, Provinz Turin, Italien) ist ein Theologe aus dem Salesianerorden und emeritierter Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche. Er war vom 15. September 2006 bis zum 15. Oktober 2013 Kardinalstaatssekretär. Als Kardinalkämmerer der Vatikanstadt leitete er die kirchliche Übergangsregierung während der Sedisvakanz im Jahr 2013. Unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. war Bertone die rechte Hand des Papstes und zählte zu den einflussreichsten Männern im Vatikan.Irene Mayer-Kilani: Ermittlungen gegen früheren Papst-Vertrauten. In: Kurier, 20. Mai 2014; abgerufen am 6. Oktober 2017.
Leben Herkunft und Ausbildung Familie und Elternhaus mini|Pfarrkirche in Romano Canavese Tarcisio Bertone wuchs als fünftes von acht Kindern von Pietro Bertone und Pierina Borio in dem Dorf Romano Canavese in der norditalienischen Region Piemont auf, ca. 40 km nördlich von Turin gelegen. Ein Bruder Giovanni verstarb als Kind, eine Schwester noch im Säuglingsalter. Sein Elternhaus in der Ortsmitte von Romano ist ein typisches herrschaftliches Bauernhaus dieser Gegend, das vom ältesten Bruder Paolo (1929–2011) bis zu seinem Tod bewohnt wurde. Die Familie, die bäuerlichen Ursprungs war, besaß Land und bewirtschaftete Weinberge im Bergland von Scarmagno. Ein Passito (Likörwein) aus der Gegend trägt noch heute ihren Familiennamen. Der Vater war außerdem Hauptorganist an der Pfarrkirche von Romano und spielte gut Klavier, was er auch seinen Söhnen Tarcisio und Valeriano beibrachte. Tarcisio Bertones jüngere Geschwister Valeriano und Mariuccia lebten 2020 noch im Canavese;Morto l’ex sindaco Sado, signore di stile e cuore. Necrologio SADO GIOVANNI. In: La Sentinella del Canavese, 20. Dezember 2019 (italienisch); abgerufen am 7. Mai 2022.Silvia Alberton: Daje ‘na giumella de.. In: Avis. Ivrea Notizie, 35. Jg., Nr. 2 (November 2020), S. 23 (italienisch). seine Schwestern Rosina und Lucia sind vor 2011 verstorben.Lunedì l’addio a Paolo Bertone, fratello del Cardinale. In: La Sentinella del Canavese, 24. Juli 2011 (italienisch); abgerufen am 7. Mai 2022. In der Familie wird er liebevoll Zio Tarci („Onkel Tarci“) genannt.Marco Trabucco: Il salesiano che studiò da vice Papa Tarcisio, l’ingegnere mancato. In: La Repubblica, 23. Juni 2006 (italienisch); abgerufen am 7. Mai 2022.
Tarcisio wurde auf Wunsch seines Vaters nach dem Schutzpatron der Katholischen Aktion benannt, dem heiligen Tarzisius. Seine Mutter engagierte sich politisch, war seit den 1920er Jahren Mitglied der Italienischen Volkspartei (PPI) und eine militante Anhängerin des Priesters und Parteiführers Don Luigi Sturzo. Später unterstützte sie die Democrazia Cristiana (DC) und war 1948 im Wahlkampf für Alcide De Gasperi aktiv.Gianni Cardinale: Ein Salesianer für Papst Benedikt. Interview mit Kardinal Tarcisio Bertone. In: 30giorni, Heft 07/08, Juli 2006; online abgerufen am 5. Juli 2022.
Tarcisio war handwerklich begabt, bastelte gerne an mechanischen Apparaten und wollte als Kind eigentlich Ingenieur werden, wie seine Geschwister berichten. Mit zwölf Jahren soll er den Eltern jedoch erklärt haben, er wolle Priester werden. Er selbst erinnert sich, er habe sich für Sprachen interessiert und den Berufswunsch Dolmetscher gehabt.
Ordenseintritt und Studium Zu dieser Zeit besuchte er die Mittelschule des Oratoriums im Turiner Stadtteil Valdocco, dem Mutterhaus der Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos. Zum Eintritt in den Orden entschloss er sich im Mai 1949 auf Vorschlag eines Ordenserziehers. Er verbrachte das einjährige Noviziat in Monte Oliveto bei Pinerolo, legte am 3. Dezember 1950, dem Tag nach seinem 16. Geburtstag, die ersten Ordensgelübde ab, absolvierte die üblichen Erzieherpraktika und Lehrjahre seines Ordens und studierte in Turin an der Salesianerfakultät Philosophie und Theologie. Am 1. Juli 1960 empfing er in Ivrea die Priesterweihe durch den damaligen Ortsbischof Albino Mensa (1916–1998). Anschließend blieb er zunächst in Turin, wo er das Lizentiat im Fach Theologie mit einer Arbeit über Toleranz und Religionsfreiheit erwarb.Tarcisio Kardinal Bertone, in: Internationales Biographisches Archiv 44/2012 vom 30. Oktober 2012, im Munzinger-Archiv.
Die Jahre 1961 bis 1965 verbrachte er in Rom mit weiteren Studien am damals noch provisorischen römischen Sitz des Atheneum Salesianum, der Salesianerhochschule, wo er im Fach Kirchenrecht mit einer rechtshistorischen Arbeit über „die Leitung der Kirche im Denken von Benedikt XIV. (1740–1758)“ promovierte. Die Eröffnungszeremonie des Zweiten Vatikanischen Konzils am 12. Oktober 1962 erlebte er persönlich mit. Aus der Nähe verfolgte Tarcisio Bertone besonders das spannende Geschehen um die Entstehung der Erklärung Dignitatis humanae über die Religionsfreiheit, sein Lizenziatsthema. Die täglichen Konzilsberichte in den römischen Zeitungen erwarteten die jungen Priester mit großer Ungeduld und es gab organisierte Begegnungen mit Konzilsvätern. Mit Studienkollegen besuchte er auch Vorträge von Hans Küng sowie Versammlungen der konservativen Gruppe der Konzilsväter, an deren Strategiebesprechungen man sie nach Hinweis auf ihren Lehrer Alfons Maria Stickler SDB teilnehmen ließ, der Konzilssachverständiger war.
Als prägende Lehrer nennt Bertone unter anderen die Salesianer und späteren Kardinäle Antonio María Javierre Ortas (Ekklesiologie) und Rosalio José Castillo Lara (Strafrecht) sowie vor allem seinen Doktorvater und Mentor, den österreichischen Rechtshistoriker Alfons Maria Stickler, der als Rektor des Athenaeums den schrittweisen Umzug der Salesianerhochschule nach Rom ab 1961 organisierte. Bertone selbst kehrte nach seinem Doktorat zunächst nach Piemont zurück und wurde Lehrer für Moraltheologie am Salesianerkonvikt von Bollegno bei Ivrea.
Lehrtätigkeit, Bischofs- und Kurienämter mini|1965 eröffneter Sitz der UPS in Rom Universität der Salesianer 1967 wurde Tarcisio Bertone auf den Lehrstuhl für Spezielle Moraltheologie an der Hochschule der Salesianer in Rom berufen, die 1973 von Papst Paul VI. zur Päpstlichen Universität erhoben wurde. Bertone, der noch heute als „Verfechter des Lebensschutzes“ gilt,Bertone, Tarcisio. ORDEN online, Stand: 11. November 2008; abgerufen am 17. Oktober 2017. beteiligte sich mit Publikationen auch an den Debatten über den Schwangerschaftsabbruch in den 1970er Jahren. Von 1974 bis 1976 war er zugleich Ausbildungsdirektor der Theologiestudenten seines Ordens, später wurde er Ortsoberer der Salesianerkommunität an der Universität. Als Nachfolger des plötzlich verstorbenen belgischen Kanonisten Gustave Leclerc SDB lehrte er von 1976 bis 1991 Kanonisches Recht an der Salesianeruniversität und übernahm die Leitung der kirchenrechtlichen Fakultät. Im Rahmen der pädagogischen Schwerpunktsetzung der Hochschule gehörten auch „Jugendrecht“ sowie „Recht und Organisation der Katechese und Jugendpastoral“ zu seinen Lehrfächern. 1987 wurde er Vizerektor, von 1989 bis 1991 amtierte er als Rektor der Universität. Ab 1978 war er zusätzlich als Dozent für Staatskirchenrecht an der Lateranuniversität tätig. Außerdem wirkte er als Seelsorger in mehreren römischen Pfarreien, wo er sich auch in der theologischen Erwachsenen- und Weiterbildung engagierte. Neben Lehrwerken schrieb er politische Artikel in der Zeitschrift Terza Fase, dem Organ der Forze nuove, einer christsozial ausgerichteten Strömung innerhalb der Democrazia Cristiana, mit deren Führungsgestalt Carlo Donat-Cattin († 1991) Bertone über den Ehemann seiner Schwester Mariuccia, den piemontesischen Politiker Giovanni Sado (1933–2019), verbunden und eng befreundet war. Auch den christdemokratischen Politiker Giorgio La Pira (1904–1977), den er bewunderte, lernte er persönlich kennen.
Revision des CIC In den 1980er Jahren arbeitete Tarcisio Bertone in der Schlussphase der Revision an der Neufassung des kirchlichen Gesetzbuches Codex Iuris Canonici (CIC) mit und leitete im Auftrag der italienischen Bischofskonferenz die Arbeitsgruppe zur Übersetzung des CIC ins Italienische. In diesem Zusammenhang setzte er sich intensiv für die Umsetzung des neuen Kirchenrechts in den Ortskirchen ein und besuchte Hunderte italienischer Diözesen, um den Praktikern das neue Gesetzbuch vorzustellen und zu erläutern. Schon in dieser Zeit war er als Berater für verschiedene Behörden und Dikasterien des Heiligen Stuhls tätig, insbesondere für die Glaubenskongregation, zu deren Konsultor er 1984 ernannt wurde. Auch mit der Abfassung des 1990 promulgierten Gesetzbuchs der Orientalischen Kirchen (CCEO) wurde Bertone von Joseph Ratzinger beauftragt, der ab 1982 als Präfekt der Glaubenskongregation in Rom war. 1989 gehörte Bertone zur Arbeitsgruppe der IFCU-Rektoren, in der die Apostolische Konstitution Ex corde ecclesiae über die Identität und Mission der katholischen Universitäten erarbeitet wurde. Dieses Dokument, das besonders in den USA erwünscht war, spielte 2012 eine Rolle in dem Konflikt um die Universität von Lima. mini|Der Dom Sant’Eusebio in Vercelli
Erzbischof von Vercelli 1988 war Bertone bei der Ermöglichung des Dialoges mit dem abtrünnigen Erzbischof Marcel Lefebvre, um die sich Papst Johannes Paul II. damals unter der Federführung Joseph Kardinal Ratzingers bemühte, diesem eine wichtige Hilfe, wie Ratzinger später bekannte.Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone bleibt im Amt. In: Radio Vatikan, Nachrichten vom 22. Januar 2010; abgerufen am 25. März 2023. 1990 unternahm er eine Studienreise nach Hongkong und Peking. Im gleichen Jahr nahm er im Auftrag von Staatssekretär Agostino Casaroli an den Versammlungen der vom Europarat geschaffenen Venedig-Kommission teil. Am 4. Juni 1991 ernannte ihn der Papst zum Erzbischof der Erzdiözese Vercelli, des ältesten Bischofssitzes von Piemont, den er bis 1995 innehatte. Die Bischofsweihe spendete ihm am 1. August 1991 sein Vorgänger im Amt, Erzbischof Albino Mensa; Mitkonsekratoren waren der Bischof seines Heimatbistums Ivrea, Luigi Bettazzi, sowie der Bischof von Casale Monferrato, Carlo Cavalla. Als Erzbischof intensivierte Bertone die kirchlichen Beziehungen zu der in Vercelli ansässigen Universität Ostpiemont. Er förderte die Mission des Erzbistums in Isiolo in Kenia, die er mehrfach besuchte, und weihte am 4. Februar 1996 (sechs Tage vor der Ernennung seines Nachfolgers Enrico Masseroni) zusammen mit Jozef Tomko den später ermordeten italienischen Missionar Luigi Locati zum ersten Bischof für das Gebiet. Am 28. Januar 1993 wurde er von der Bischofskonferenz zum Vorsitzenden der Italienischen Kommission Justitia et Pax („Gerechtigkeit und Frieden“) berufen, einem für Fragen christlicher Gesellschaftsethik und Verantwortung zuständigen kirchlichen Beratungsgremium auf nationaler Ebene.
Sekretär der Glaubenskongregation