Jean Frédéric Bernard (* 1680 in Velaux, Provence; † 27. Juni 1744 in Amsterdam) war ein französischer Buchhändler, Autor, Übersetzer, Drucker und Verleger. Er wirkte hauptsächlich in den Niederlanden, publizierte jedoch überwiegend in seiner Muttersprache.
mini|Illustration aus Cérémonies et coûtumes religieuses, 1723, dem bekanntesten Werk Bernards
Der Sohn einer hugenottischen Flüchtlingsfamilie, die weit in das kulturelle Netzwerk jener Epoche verwebt war, wurde in Amsterdam dank seines Geschicks mit Reprintauflagen zu einem der auflagenstärksten Verleger der Niederlande, der mit diesem Ertrag und einer Erbschaft auch als Autor bedeutende Werke der europäischen Aufklärung und Naturwissenschaften finanzierte. Die neuere Forschung geht so weit, dass sie zwei seiner Editionen, Recueil de voyages au nord (1715ff.) und Cérémonies et coûtumes religieuses (1723ff.), eine wesentliche und andauernde Wirkung auf die Wahrnehmung der Bildungseliten des frühen 18. Jahrhunderts zuschreibt. Beide Werke hätten die ethische und religiöse Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Ethnien in der europäischen Aufklärung verstärkt.Lynn Hunt/Margaret C. Jacob/Wijnand W. Mijnhardt: The book that changed Europe : Picart & Bernard's Religious ceremonies of the world. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, Mass. 2010 (1. Auflage 2001), ISBN 978-0-674-04928-4; Paola von Wyss-Giacosa: Religionsbilder der frühen Aufklärung. Bernard Picarts Tafeln für die Cérémonies et coûtumes religieuses de tous les Peuples du Monde. Benteli, Zürich 2006, ISBN 978-3-7165-1421-4.; The Early Enlightenment, Religious Toleration, and the Origins of Comparative Religion: Bernard and Picart’s Religious Ceremonies and Customs of All the Peoples of the World
Leben Jugend eines hugenottischen Flüchtlings Jean Frédéric Bernard wurde 1680 in der Provence als Sohn des Pastors Barthélmy Bernard (1646–1694) geboren.Lynn Hunt/Margaret C. Jacob/Wijnand W. Mijnhardt: The book that changed Europe : Picart & Bernard's Religious ceremonies of the world. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, Mass. 2010, S. 89. Er floh als Hugenotte im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie aus religiösen Gründen aus Frankreich zunächst in die Schweiz, nachdem das Edikt von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau aufgehoben worden war.
Sein Onkel Jean Bernard (1625–1706), der als Pastor in Manosque gedient hatte, galt als bedeutender Theologe und hatte gewissermaßen die Führung der gesamten Familie Bernard und die Leitung der Flucht zunächst nach Lausanne übernommen. Dort sah man ihn als Führer aller hugenottischen Familien in der dortigen Diaspora an. Daher wählte man Jean Bernard aus, um Spenden für die Hugenotten in Europa zu werben, was ihn schließlich nach Den Haag führte. Dort bat er bei Maria Stuart, der Gattin Wilhelm III., um finanzielle Mittel und eine dauerhafte Zuflucht für die Hugenotten. Durch seine Mutter Catherine Guib war Jean Frédéric Bernard fest im Netz der Hugenottischen Eliten verknüpft. Sein Großvater mütterlicherseits war Jean Frederic Guib, der schottischer Abstammung war und einen medizinischen Abschluss der Universität von Valence aufzuweisen hatte. Guib wirkte schließlich als Provost und Professor für Rhetorik am Collége d’Orange. Darüber hinaus war Jean Frederic Guib mit dem persönlichen Sekretär des Niederländischen Statthalters, des Poeten Constantijn Huygens und dessen Sohn, dem Astronomen, Mathematiker und Physiker Christiaan Huygens, befreundet. Auch diese Verbindungen sollten seinem Enkel Jean Frédéric die weitere Laufbahn erleichtern.Hunt/Jakob/Wijnand, 2010, S. 90.
Doch die Netzwerke zahlten sich für die gesamte Familie aus: Barthélmy Bernard bekam schon bald eine Pastorenstelle an der reformierten Kirche in Amsterdam. Dies stellte sich als besondere Leistung heraus, da insgesamt 360 hugenottische Pastoren auf rund ein dutzend freie Pfarrstellen der wallonischen Kirche gekommen waren. Bereits am 29. Mai 1686 erhielt Barthélmy Bernard das Bürgerrecht der Stadt Amsterdam, was im Normalfall mehr als ein Jahr gedauert und ihn beträchtliche finanzielle Mittel gekostet hätte. Doch aufgrund seiner schlechten Gesundheit verstarb Barthélmy Bernard bereits 1694. Dies machte Jean Frédéric Bernard im Alter von 14 Jahren und seine zwei überlebenden Geschwister, Elisabeth und Henri, nachdem ihre Mutter bereits verstorben war, zu Vollwaisen. Um diese kümmerten sich nun seine beiden Onkel Jean Bernard und Henri Guib, der Bruder seiner Mutter. Der gesellschaftliche Hintergrund seiner Familie suggerierte eine universitäre oder geistliche Laufbahn – doch Jean Frédéric Bernard brach mit diesen Traditionen.
Anfänge im Buchhandel und Verlagswesen
1704 zog Jean Frédéric dank seiner Schweizer Beziehungen zurück nach Genf – jedoch nicht als Student der Theologie, sondern um sein Glück im Handel zu machen. Bereits in Amsterdam hatte er die Bekanntschaft mit einer Hugenottischen Verleger-Dynastie gemacht, die familiäre Beziehungen zu seinem späteren Freund Pierre Humbert besaß. In Genf fasste er dank dieses Netzwerks Fuß im Maklergeschäft, wobei der Buchhandel ein wichtiger Teil seines Geschäfts blieb, das in beiden Bereichen vom wechselseitigen Vertrauen und dem Aufbau einer gewissen Klientel lebte. Selbst Pierre Bayle gehörte zu seinen Kunden.Hunt/Jakob/Wijnand, 2010, S. 93.
1707 kehrte Bernard nach Amsterdam zurück. Als facteur de la société des libraires (also Mitglied der Buchhändlergesellschaft) von Genf firmierte Jean Frédéric Bernard in Amsterdam von 1705 bis 1711. Er trat danach als Autor von Übersetzungen, Herausgeber kritischer Editionen, sowie von verschiedenen historischen und literarischen Werken hervor. Die kurze Ehe mit der ebenfalls hugenottischen Jeanne Chartier, die bereits zwei Monate nach der Heirat im Alter von 26 Jahren 1714 starb, markierte einen doppelten Wendepunkt in Bernards Leben. Denn Jeanne Chartier war äußerst vermögend und im Besitz eines größeren Hauses in der renommierten Keizersgracht, sodass ihm als einzigem Erbe ein bedeutendes Kapital zufloss. Dadurch wurde seine Verlegertätigkeit noch angeregt.Hunt/Jakob/Wijnand, 2010, S. 96. mini|Titelvorsatzblätter von Recueil de voyages au nord, Band 1, 1715 Gerade dieses Erbe ermöglichte überhaupt erst die anspruchsvollere Produktion der ersten Auflage von Recueil de voyages au nord : contenant divers mémoires très utiles au commerce & à la navigation, 1715,Volltext Recueil de voyages au nord, Mikrofilm, auf www.archive.org zum Download als *.pdf (rd. 30 MB) und anderen Formaten die seinen Ruhm begründen sollte.Adina Ruiu: Les récits de voyage aux pays froids au XVIIe siècle. De l’expérience du voyageur à l’expérimentation scientifique. Montréal 2007, ISBN 978-2-923385-08-2. Dieses Werk war eine Zusammenstellung von mehreren Arktis-Reisen. Darunter befand sich auch die erste Publikation von Nicole Jérémies Relation du détroit et de la baie de Hudson, eines in Québec geborenen Pelzhändlers, der Pierre Le Moyne d’Iberville an die Hudson Bay begleitet hatte. Die Beschreibungen der Region und insbesondere der Inuit waren besonders wertvoll, weil Jérémie im Unterschied zu den Forschungsreisenden 20 Jahre am Ort gelebt hatte. In relativ kleinem Format und preisgünstiger Aufmachung vereinten die Reiseberichte Aufzeichnungen von Händlern, Missionaren und Pelztierjägern, die Bernard übersetzte, edierte und zum Teil auch eigene Abhandlungen beisteuerte. Dabei war es für ihn wichtig, dass der Leser letztlich seine persönliche Interpretation über alles stellte. Dies erklärte auch die überaus große Anzahl von Karten und Illustrationen, was neben seinem Redaktionstalent den langjährigen Erfolg der Reihe bis in die 1730er Jahre ausmachte. Allerdings hatte er selbst kuriose Berichte wie den jener Islandreise (La Relation d’Islande, 1644) des französischen Attaché am Kopenhagener Hof, Isaak de Peyères, der 1663 in Frankreich erstmals veröffentlicht wurde, in die Sammlung mit aufgenommen. Denn de Peyères war selbst niemals in Island gewesen und hatte den Bericht komplett auf sekundärem Material allein um des erzählerischen Effekts willens fehlerhaft aufgebaut, obwohl ihn ihm bekannte Fachleute wie der dänische Archäologe Ole Worm auf die Mängel hingewiesen hatten. In einem wichtigen Punkt jedoch ging Peyères auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse Worms ein: Die Einhorn-Saga aufgrund der auf Island gefundenen Narwalstoßzähne versuchte er zu berichtigen.Hans-Joachim Schoeps: Philosemitismus im Barock. Religions- und geistesgeschichtliche Untersuchungen. J.C.B. Mohr, Tübingen 1952, S. 81ff. Selbst die erneute Publikation dieser Widerlegung konnte die Legende in den nächsten 150 Jahren nicht aufhalten.
Durchbruch als Verleger mini|Titelvorsatzblatt Mémoires du Cardinal de Retz, Ausgabe von 1731
1718 heiratete Bernard erneut eine reiche Braut: Marie Sophie Lacoste († 1736), ebenfalls Hugenottin, entstammte einer Familie von Samt-Manufakteuren aus Montauban. Denn Bernard konnte mit Sicherheit Kapital bei dem nicht risikoarmen Geschäft der Buchproduktion benötigten, die manchem aufstrebenden Verleger, wie z. B. dem konvertierten Jesuiten Henri Du Sauzet (1687–1754), trotz wohlwollender Besprechungen und vermeintlicher Verkaufserfolge, in den Bankrott trieben. Du Sauzet, der bei der Herausgabe der skandalträchtigen Erinnerungen des Jean-François Paul de Gondi, Kardinal von Retz, 1719 mit Bernard zusammengearbeitet hatte, stand stets der Insolvenz nahe. 1747 musste du Sauzet seinen Bankrott erklären, um ein paar Jahre später völlig verarmt zu sterben. Denn damals kam es häufig vor, dass gerade kostbare Bücher von ihren vermögenden Kunden nicht etwa bei Ablieferung bar bezahlt wurden, um stattdessen weitere, teure Bücher im Voraus im Subskriptionsprinzip zu bestellen. Dies nötigte die großen Buchhändler zu einem breiten Angebot, während die weniger vermögenden Verleger oft genötigt waren, ihre unverkauften Bestände in einer Auktion feilzubieten.
Mit seinem Freund und Kollegen Humbert teilte Bernard eine liberale und freizügige Perspektive auf religiöse und weltanschauliche Fragen, was beide auch nicht daran hinderte, Werke wie das des großen französischen Liberalen des 17. Jahrhunderts, Gabriel Naudé, Apologie pour tous les grands personnages qui ont esté faussement soupçonnez de magie (1625) neu herauszugeben oder die Sermons des englischen Erzbischofs von Canterbury, John Tillotson, zu veröffentlichen.John Tillotson: A Sermon Concerning the Unity of the Divine Nature and the Blessed Trinity, London, 1693
Die Basis für seinen geschäftlichen Erfolg legte Bernard mit der Massenproduktion von für ihn in der Herstellung günstigen Reprint-Auflagen französischer Erfolgsproduktionen in heutiger Paperback-Art, die er in ganz Europa erfolgreich vertrieb. So gehörten unter anderem Jean de la Fontaine, Anne de La Roche-Guilhem,Alexandre Calame: Anne de La Roche-Guilhen, romancière huguenote (1644-1707). Librairie Droz 2010. die Studien François Hédelins über das französische Theater oder François Fénelons Abhandlungen über die Rhetorik oder die Poetik zu seinem Angebot. Mit diesen Gewinnen und den Erträgen aus den Vermögen seiner Frauen finanzierte er die renommierträchtigen, aber auf kurze Sicht wenig ertragreichen Luxusproduktionen. Wie viele andere seines Fachs kümmerte er sich bei den Reprint kaum um Urheberrechte, war der Buchhandel jener Ära doch dank eines allseitigen Überlebenskampfes kaum von Skrupeln geprägt.Hunt/Jakob/Wijnand, 2010, S. 98. Die Reprints machten alleine 70 Prozent seiner literarischen Gesamtproduktion aus.