mini|Lubo Kristek (1997) Lubo Kristek (* 8. Mai 1943 in Brünn) ist ein zeitgenössischer Maler, Bildhauer und Aktionskünstler tschechischer Abstammung. Von 1968 bis in die 1990er Jahre lebte er im Exil in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Großteil seiner Arbeiten ist vom Surrealismus und abstrakten Expressionismus geprägt und zeigt deutliche Züge des phantastischen Realismus der Wiener Schule. Er ist einer der letzten noch arbeitenden Vertreter des Spätsurrealismus.Zeitalter der Avantgarden: Kunst und Gesellschaft 1905–1955 - Klaus v. Beyme
mini|„Schlösschen Lubo“ mit Piano auf dem Dach Leben und Wirken mini|Lubo Kristek: Metastation der zurückgelassenen Töne (1975–76), Schloss Ruegers In der Frühphase seines Schaffens lebte und arbeitete er im bayerischen Alpenvorland in Landsberg am Lech und Kleinkitzighofen. Diese Zeit im Exil war für seinen künstlerischen Reifeprozess maßgeblich. In der Spätphase wirkt er im Südmährischen Raum unweit der österreichischen Grenze. Seine Künstlerwerkstatt und Galerie befindet sich in Freistein an der Thaya (Podhradí nad Dyjí) im Schlösschen Lubo (Zámeček Lubo). Trotz seines fortgeschrittenen Alters empfängt er persönlich heute noch (2015) gelegentlich Gäste, um ihnen sein Lebenswerk näher zu bringen.Details aus dem Portal: Südmähren.info
Seine Arbeit umfasst Werke aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei und Musik. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er unter anderem durch seine künstlerischen Happenings,Dokumentation (15 Min.- tschechisch m. U.) welche er seit den 1970er Jahren bis in die Gegenwart veranstaltet. Ausnahmslos alle Aktionen werden von künstlerischen Artefakten oder Objekten begleitet, welche zum Teil am jeweiligen Ort des Geschehens verbleiben und dort zu einem Bestandteil von Kunst im öffentlichen Raum werden.
Kontext seines Schaffens
hochkant|mini|links|Lubo Kristek in der Friedhofskapelle, Penzing (1977) mini|hochkant|links|Lubo Kristek in Augsburg (1974) In den 1960er Jahren lebte Kristek in einem heruntergekommenen Haus, einer früheren Seifenmanufaktur in Hustopeče (in der Nähe von Brno), wo er Veranstaltungen organisierte, in denen Musik, visuelle Kunst, Poesie, Theater und Improvisation miteinander verbunden wurden.Daniel Smola: Moje jizní Morava. In: Deník. 24. August 2016, S. 5 (tschechisch). Das Austesten von Grenzen, das Experimentieren und Überschreiten des konventionellen Rahmens waren für ihn am Anfang seines Schaffens sehr bezeichnend.
Zu dieser Zeit experimentierte er mit Feuer als Ausdrucksmittel. Es war sein Dialog mit dem Unvorhersehbaren. Er unterdrückte absichtlich oder annullierte manchmal sogar seine künstlerische Handschrift, um das Material zu Wort kommen zu lassen.Půtová 2013, S. 21.
Die kosmopolitischen Aspekte von Kristeks Werk sowie seine Fähigkeit, transkulturelle Erfahrungen einzubringen, hängen mit seiner Emigration nach Westdeutschland im Jahre 1968 zusammen.Neunzert 2008, S. 6.Jurgeleit 1986, S. 71. Er hatte sich in Landsberg am Lech niedergelassen, wo er fast drei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Es war auch zu dieser Zeit, dass er anfing, Kristeks Nachtvernissagen zu veranstalten, aus denen seine Happenings hervorgingen. Die Vernissage (und die gesamte Ausstellung) dauerte nur eine Nacht. Kristeks Atelier in Landsberg wurde zu seinem künstlerischen Schmelztiegel.
Von Landsberg aus bereiste Kristek die Europa.Schwabe 1977, S. 16. Er erkundete verschiedene Länder und genoss es, durch die Landschaft zu wandern und ihre Bewohner zu treffen. Diese Reisen und Erkundungstouren hatten eine spezielle Bedeutung für ihn und brachten ihm Inspiration für seine kreative Arbeit und Entwicklung.Půtová 2013, S. 13.
1977 bereiste Kristek mit seinem Amerikanischen Zyklus 77 die Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika sowie Kanada.American Cycle 77, S. 3–9.
Kristeks Arbeit erregte Aufmerksamkeit. Das Münchner Magazin Applaus erwähnte bereits im Jahr 1982 einige seiner bedeutenden Leistungen:
Im Jahr 1989, nach der samtenen Revolution, trat Kristek nach und nach die Rückreise in sein Heimatland an (für eine gewisse Zeit pendelte er zwischen Deutschland, Tschechien und einigen anderen Ländern hin und her, verlor aber nie den Kontakt zu Deutschland). Er ließ sich in Podhradí nad Dyjí nieder. Auf dem Dachfirst seines Ateliers stellte er eine Skulptur auf, die ein Klavier zeigt, das auf einem Bein balanciert. Der tschechische Schriftsteller Jaromír Tomeček enthüllte die Skulptur, und basierend auf dem Titel des Kunstwerkes nannte er die gesamte Landnachbarschaft um den Fluss Thaya Kristeks Tal der göttlichen Vergänglichkeit eines Tones.Lubo Kristek: Happening-Schaffen im Thayatal, S. 13. Der Kulturminister der Tschechischen Republik, Václav Jehlička, schrieb in diesem Zusammenhang:
Kristek führte seine Happening-Aktivitäten fort. Bislang hat er Happenings in Deutschland, den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Italien, Spanien, Tschechien, Österreich, der Türkei, Belgien und in der Slowakei veranstaltet.Lubo Kristek Channel In den Jahren 2005–2006 erschuf er Kristek’s Glyptothek im Thayatal, einen bildhauerischen Weg von Pilgerstationen entlang der Thaya.
Skulpturen, Plastiken und Assemblagen mini|hochkant=0.6|Lubo Kristek: Stacheldraht-Christi (1983) mini|hochkant=0.6|Lubo Kristek: Meeres-kavallo (1986) Eines von Kristeks ersten Kunstwerken, Vision – Verbrennung Christi (1964), entstand in dem Haus in Hustopeče und zeigt, wie der Künstler Material und Werte austestet. Als erstes erschuf er eine wirklichkeitsgetreue gusseiserne Skulptur Christi. Dann befestigte er diese auf einem Kreuz in einer hölzernen Konstruktion und verformte sie mit Hilfe von Flammen weiter. Das schmelzende Material symbolisiert die Relativität der Form und die Relativität des schmelzenden Glaubens in Kristeks Heimatland in den 1960er Jahren.
Auch die Skulptur Die Seele (1977) gehört zu Kristeks mit Flammen geformten Kunstwerken. Die Kugel, welche die Spitze dominiert, ist ein Symbol des künstlerischen Erbes, welches Kristek von seinem Lehrer und Seelenverwandten Arno Lehmann (deutscher Künstler, welcher in Salzburg lebte, wo Kristek ihn immer wieder besuchte) antrat.Půtová 2013, S. 10.
Die großräumige Plastik Baum des Wissens (1981)Walter Etschmann: Kunst am Bau in Landsberg. In: Landsberger Tagblatt. 11. November 1981, S. 36., welche weiter oben beschrieben wird, erstreckt sich über drei Gebäudestockwerke und ist ein Beispiel für die Harmonisierung einer Skulptur mit ihrer Umgebung, welche Kristek später in seinen Landschaftswerken verwendete.Půtová 2013, S. 32. Dieses Kunstwerk genießt hohes Ansehen. Das Münchner Magazin Steinmetz + Bildhauer schrieb:
Kristek hat seinen künstlerischen Fußabdruck in der Landschaft der spanischen Küste von Kantabrien hinterlassen. Die Assemblage Stacheldraht-Christi (1983) ist ein mitleidvolles Relikt der heutigen unmenschlichen und rationalisierten Welt.
1986 schuf er aus Material, das an die italienische Küste angeschwemmt wurde, die Assemblage Meeres-kavallo. Das Pferd ist wie in der Zeit eingefroren, es hat einen Schädel anstatt eines Hauptes, ist aber auch ein Symbol der unendlichen Lebensbewegung und eine Repräsentation der galoppierenden Wellen sowohl des Lebens als auch des Meeres.Půtová 2013, S. 13, 15.
mini|links|hochkant=0.6|Lubo Kristek: Denkmal für die fünf Sinne (1991), Neues Stadtmuseum, Landsberg a.L mini|links|hochkant=0.6|Lubo Kristek: Die Suchenden (2005–2006), Sekule Kristek verwandelt seine Assemblagen in eine moderne Version von Altären und Tabernakel.Půtová 2013, S. 18. Ein Beispiel hierfür ist seine Assemblage Die Tragende (1969)Půtová 2013, S. 8., welche das Resultat einer langen Debatte mit seinem Freund Eberhard Trumler (welcher ein Schüler und Kollege des Gründers der Ethologie, Konrad Lorenz, war) über die Mechanismen des Überlebens einer Art ist.
Seine Kunstwerke übersteigen normalerweise den gegebenen Rahmen. Für ihn ist die Assemblage eine Plattform für das Überwinden oder Erweitern der Grenzen des definierten Bereiches oder der jeweiligen Bedeutung. Wir können dies in den Assemblagen Familie mit dem unsichtbaren Mann (1994), Harlekina und die Versuchung (1994) und Auf der Müllgrube der Zeiten (1994) sehen. In der letzten der erwähnten Assemblagen und in der Assemblage Metastation der zurückgelassenen Töne (1975–1976) baute Kristek Schnüre, Teile von Musikinstrumenten und Saiten ein. Seine „Netze“ verfügen über spezifische Bedeutungsschichten. Diese zwei Kunstwerke resonieren thematisch mit der Entwicklung der Gesellschaft (früher) und mit Kristeks persönlichem Leben (später), womit sie einzigartige Spiegel darstellen.
Die Statue Denkmal für die fünf Sinne (1991) wurde zu einem von Landsbergs Sehenswürdigkeiten. 2008 schrieb der bayrische Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst:
Die handwerklichen Fertigkeiten Kristeks kommen am meisten in seinen Metallplastiken zur Geltung, in denen er eine perfekt beherrschte Technik zur Anwendung bringt.
2002 widmete der Künstler den Auf- und Abstiegen verschiedener Glaubensrichtungen seine Aufmerksamkeit. Ganz speziell zeigte er die Grenzen, wo Glaube zu Demagogie wird und wo sein Bruchpunkt liegt, in der Assemblage Orgasmen der diversen Demagogien auf.Neunzert 2008, S. 24.
Kristeks Assemblage Im vorzeitig geklonten Zeitalter eines Planeten (2003) bietet eine künstlerische Neuinterpretation der Situation des Menschen in einem „fließenden“ Zeitalter der Globalisierung. Die Assemblage wurde zum Ausgangspunkt für sein Happening Visio sequentes oder Über das vorzeitig geklonten Zeitalter eines Planeten, in welchem er sein Konzept in einer dynamischeren und vielfältigeren Form entwickelte.
Im Jahr 2007 präsentierte Kristek eine Form von interaktiver Assemblage, als er Requiem für die Mobiltelephone aus Handys kreierte. Dann wandelte er die Idee in ein Projekt um, welches sich auf die Sucht nach versteckten Fallen in der modernen Gesellschaft konzentriert (Kristek sprach das Thema der Fallen schon 1976 in seiner Assemblage Entlärmte Ästhetik des Luxuriesens anSchwabe 1977, S. 13.). Er reiste von Land zu Land und die Assemblage veränderte ihr Aussehen mit Hilfe der Zuschauer und ihrer ausgedienten Handys.
Zwischen 2015 und 2017 hat Kristek eine weitere Pilgerstätte geschaffen. Er hat sein Haus in Brno in eine monumentale Assemblage umgewandelt, welche thematisch an den Mythos des Sisyphus angelehnt ist. Kristek-Haus ist somit zu einer neuen Sehenswürdigkeit in Brno geworden.
Kristeks Glyptothek im Thayatal Die ersten Plastiken und Assemblagen in der Landschaft waren in den 1970er Jahren Vorreiter für eines von Kristeks Meisterwerken: Kristeks Glyptothek im Thayatal, welches er in den Jahren 2005–2006 geschaffen hat. Dieser bildhauerische Weg von Pilgerstationen verläuft durch Tschechien, Österreich und die Slowakei, entlang der Thaya. Der Künstler hat die Statuen – in denen er Monumentalität, Handwerksqualität und eine spirituelle Ausrichtung erreicht hat – miteinander zu einer Pilgerreise verbunden, welche dem Fluss Thaya gewidmet ist. Dieser Weg enthält elf symbolische Stationen und wurde zu Kristeks Landschaftsgalerie. Er lädt diejenigen, die sich die Statuen ansehen wollen, zu einem Spaziergang durch die Landschaft ein. Dieser Weg bietet dem Pilger einen Blick auf sein inneres Selbst und schafft eine zusätzliche Dimension, die im Kontrast zum dominierenden Konsumlebensstil steht.Půtová 2013, S. 15.
Gemälde mini|hochkant|links|Lubo Kristek: Himmelsautobahn der Tante Fränzi (1974–75), Neues Stadtmuseum, Landsberg am Lech Kristek hat in seinen Gemälden ein spezifisches Vokabular erschaffen. Man kann seinen Symbolen bestimmte „Attribute“ zuordnen. Die Betrachtung der inhaltlichen Evolution der Symbole ermöglicht ein tieferes Verständnis von seiner Kunst. Diese Symbologie dringt in seinem gesamten Lebenswerk in den verschiedenen Medien durch.