mini|Bernd Rabehl (2009)

Bernd Rabehl (* 30. Juli 1938 in Rathenow) ist ein deutscher Soziologe und Autor und war eines der bekanntesten Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). Spätestens seit 1998 vertritt Rabehl nationalistische, später rechtsextreme Positionen.

Leben Über Kindheit und Jugend Bernd Rabehls in der Zeit des Nationalsozialismus und in der frühen DDR sind bislang kaum Quellen verfügbar. In dem selbstverfassten Biogramm zu seiner Dissertation Marx und Lenin (1973) erwähnt er die „antifaschistische Grundschule, die Mitgliedschaft in der FDJ, die Oberschule“ und die erzwungene „Tätigkeit als Hilfsarbeiter“ als prägend für seine Erziehung.

Seine Lebensgefährtin ist die Journalistin und Fotografin Bärbel C. Richter. Als Redakteurin und Gestalterin von Rabehls Blog beschreibt sie ihn:

In einem Interview für secret TV mit dem häufig wegen geschichtsrevisionistischer Film-Produktionen kritisierten Michael Friedrich Vogt erinnerte sich Rabehl 2007 an frühe Prägungen zur „nationalen Frage“. Er zitiert in dem Interview ein Lied von Bertolt Brecht, das zu seiner FDJ-Zeit gesungen wurde: „Adenauer, Adenauer zeig Deine Hand, für 30 Silberlinge verkaufst Du unser Land.“Die Zeile stammt aus dem Spottlied von Bertolt Brecht. Zitiert in: Herrnburger Bericht. Textausgabe von Bertolt Brecht u. Paul Dessau; hrsg. vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend / Zentrale Kulturkommission zur Vorbereitung der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für den Frieden 1951 in Berlin; S. 30.

Nach zwei Semestern Studium der Agronomie an der Humboldt-Universität zu Berlin flüchtete Rabehl 1960 nach West-Berlin und begann an der Freien Universität Berlin Soziologie und Philosophie zu studieren. Nach dem Mauerbau brachte er – gemäß seinen Lebensläufen – als Fluchthelfer Freunde und Bekannte aus der DDR in den Westen.

Der Mauerbau 1961 war ein entscheidendes Ereignis nicht nur für Rabehls Haltung zum Osten, sondern auch für seine Haltung zum Westen. In einem 1968 publizierten Aufsatz schrieb er, dass „die gutgläubigen Studenten und die Arbeiterjugend“ – darunter Rudi Dutschke und er selbst – versucht hätten, die Mauer zu stürmen. „Sie fälschten Pässe, gruben Tunnel, zerschnitten Zäune oder malten ihre Parolen von der Freiheit an den Zement … Die Ernüchterung folgte schnell und zog die Erkenntnis nach sich, dass der Mauerbau mit Zustimmung der USA stattgefunden hatte.“ Die Vereinigten Staaten von Amerika hätten sich mit dieser Bestätigung der Verabredungen der Teheran-Konferenz, der Konferenz von Jalta und der Potsdamer Konferenz gleichzeitig darauf festgelegt, „ungestört die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu zerschlagen“. Auch die Haltung der bundesdeutschen Politiker zum Mauerbau habe erkennen lassen, „dass sie nicht zur ‚entscheidenden Tat‘ bereit waren“, das Mittel des Krieges sei ihnen „durch die innerkapitalistische Machtaufteilung nach dem Zweiten Weltkrieg verwehrt“ gewesen.Bernd Rabehl: Von der antiautoritären Bewegung zur sozialistischen Opposition; in: Uwe Bergmann u. a. (Hrsg.): Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition; Reinbek 1968; S. 153 ff.

Rabehl war in den sechziger Jahren ein enger Freund und Wegbegleiter Dutschkes. 1962 stießen sie gemeinsam zur Gruppe „Subversive Aktion“, die von Dieter Kunzelmann und anderen in München gegründet worden war. Die Gruppe hatte Außenstellen in Tübingen, Stuttgart, Frankfurt am Main und in West-Berlin. Sie machte mit künstlerisch provokativen Aktionen auf sich aufmerksam.

Im Rückblick (1988) schilderte Rabehl seine eigene Situation und die Dutschkes in dieser Gruppe so:

Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Verhältnis zu Dutschke 1965 trat Rabehl zusammen mit Dutschke dem SDS bei. Wie Reinhard Strecker in einem Interview zeigte, führte der Einfluss von Dutschke, Rabehl und weiteren Personen im SDS dazu, dass dessen Initiativen, die NS-Vergangenheit der Bundesrepublik aufzuarbeiten, mehr oder minder aufgegeben wurden.Dorothea Hauser im Gespräch mit Reinhard Strecker über die SDS-Aktion „Ungesühnte Nazijustiz“, in: Ästhetik & Kommunikation, Heft 140/141, 39 (2008); Hefttitel: Die Revolte. Themen und Motive der Studentenbewegung; S. 147–154.

In den Jahren 1967/68 war Rabehl im Bundesvorstand des SDS tätig. Intern ließ er bereits 1967 ein Papier zirkulieren, in dem er die Übertragung des so genannten „Befreiungsnationalismus“ Frantz Fanons auf die deutschen Verhältnisse vorschlug. In diesem Papier hieß es:

In den Jahren 1969/70 war Rabehl einer der Initiatoren der sogenannten Ruhrkampagne. Dies war zunächst nur ein Lesezirkel, der das Ruhrgebiet für die revolutionären Studenten erobern wollte, allerdings wollte man erst ein Lenin- und Stalin-Lektüreprogramm absolvieren, vor Ort Erkundigungen einziehen und eine Orts- und Klassenanalyse anfertigen. In diesem Kontext entstand Rabehls Schrift über die DKP. Die Ruhrkampagne kam nie im Ruhrgebiet an. Ein Teil der Aktivisten gründete später die KPD/ML; Rabehl gehörte nicht zu ihnen.Zu einer detaillierteren Beschreibung der Ruhrkampagne und Rabehls Rolle dabei siehe die Geschichte des SDS in Bochum: Dietmar Kesten: Ruhr-Universität Bochum: Zur Geschichte des Bochumer SDS. Materialien zur Analyse von Opposition, 2007. Zur Geschichte der Ruhrkampagne siehe Jürgen Schröder: Die Westberliner Ruhrkampagne 1969/1970. Materialien zur Analyse von Opposition; 2005.

Im Jahr 1973 schloss Rabehl seine Dissertation ab. Dutschkes Witwe Gretchen Dutschke-Klotz berichtet in der Biografie über ihren Mann, es sei über die Arbeit zu einem schweren Konflikt zwischen ihm und Rabehl gekommen. Dutschke habe darauf bestanden, Rabehl habe von ihm für seine Dissertation die Idee der Analyse der Sowjetunion als zeitgenössische „asiatische Produktionsweise“ mehr oder minder abgeschrieben. Rabehl bestreitet das.Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Eine Biographie. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1996, ISBN 3-462-02573-2, S. 312 ff.

In den 1970er Jahren war Rabehl Mitglied der Redaktionskonferenz der Zeitschrift Probleme des Klassenkampfs und des Rotbuchkollektivs. Zu den Folgen gehörte ein langjähriges Einreiseverbot in den Ostblock. Zwischen 1973 und 1984 arbeitete er zunächst als Mitarbeiter und Dozent am Soziologischen Institut der Freien Universität Berlin. Danach war er mehrere Jahre als Gastprofessor an der Bundesuniversität von Campina Grande (Brasilien) tätig. Neben zahlreichen Artikeln veröffentlichte er mehrere Monographien zu Marxismus und Arbeiterbewegung. Nach seiner Rückkehr lehrte er wieder am Soziologischen Institut und forschte zugleich am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung (ZI 6 bzw. ZISOWIFO), zuletzt am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Zusammen mit Siegward Lönnendonker und Jochen Staadt veröffentlichte er in diesem Zusammenhang in dem von der VolkswagenStiftung geförderten „SDS-Projekt“ Beiträge zu einer Geschichte des SDS. Rabehl beschrieb in den Beiträgen zu diesem Projekt den SDS vor allem als „Provokationselite“. Er stellte auch die Verschiedenheit der Interessen von Flüchtlingen aus der DDR und „Westlern“ im SDS heraus. Rudi Dutschkes Hauptinteresse habe demnach nicht, wie bei den „Westlern“, dem „Internationalismus“, sondern der „Deutschen Frage“ gegolten. Deutschland sei für Dutschke und andere „DDR-Abhauer“ im SDS ein von den Besatzungsmächten in Unfreiheit gehaltenes Land gewesen. Nach dem Zusammenbruch der DDR arbeitete Rabehl im Forschungsverbund SED-Staat unter anderem zur Einflussnahme des MfS und des Verfassungsschutzes auf den SDS.

Hofgeismarer Kreis

Rabehl war 1992 an der Gründung des Hofgeismarer Kreises, einer deutschnationalen Vereinigung innerhalb der Jusos im Umfeld des Junge-Freiheit-Autors und Leipziger Juso-Vorsitzenden Sascha Jung, beteiligt.

Wendepunkt: „Danubia-Rede“ Ende 1998 hielt Bernd Rabehl in München eine Rede vor der Burschenschaft Danubia. Dort warnte er unter anderem vor einer kulturellen „Überfremdung“ Deutschlands, die bereits jetzt bürgerkriegsähnliche Zustände und den Terrorismus in Deutschland und Europa befördere. Darüber hinaus behauptete er in seinem Vortrag, dass die „Antifa-Linke“ und „bestimmte Medien im In- und Ausland“ dieses Thema tabuisierten:

Über Horst Mahler gelangte die Rede an die Wochenzeitung Junge Freiheit und wurde dort mit etlichen inhaltlichen Änderungen veröffentlicht, ohne dass redaktionell auf diese Veränderungen hingewiesen worden wäre. Rabehl kritisierte in einem Brief an die Redaktion die unautorisierte Veröffentlichung. Die wesentlichen Inhalte des Redetextes selbst bestritt er nicht. In der Folge schrieb er weiterhin zu verschiedenen Themen in der Jungen Freiheit. Nach der Publikation der Rede wurden Rabehl völkischer Nationalismus und sekundärer Antisemitismus vorgeworfen. Er wies dies als Denunziation zurück. Die in der Rede enthaltene nationalrevolutionäre Deutung der Revolte von 1968 und insbesondere der Person Dutschkes wurde von Kollegen, Freunden und Linken als rechtsradikales „coming out“ von Rabehl interpretiert.

Die Berliner Zeitung berichtete, Rabehl habe bei einer Diskussion mit SDS-Veteranen gesagt, er habe selbst festgestellt, dass der Text der Nazi-Sprache sehr nahe käme. Die Zeitung zitierte Rabehl mit den Worten: „Oh, das ist ja LTI-Sprache, die Sprache des Dritten Reichs.“ Er wolle jedoch, so die Berliner Zeitung, von diesem Text inhaltlich nichts zurücknehmen.Christian Bommarius: „Oh, das ist ja LTI-Sprache“. In: Berliner Zeitung, Ausgabe vom 8. März 1999.

Nach dem Vortrag vor der Burschenschaft Danubia radikalisierte Rabehl seine Anschauungen zusehends. Insbesondere rückte eine angebliche „Auschwitz-Keule“ immer mehr ins Zentrum seiner Überlegungen. In einem Interview mit der Jungen Freiheit sagte Rabehl:

Rabehl sah und sieht sich absichtlich missverstanden. Man wolle ihn, so formulierte er es in mehreren Veröffentlichungen, zerstören. In einem Essay zu Rudi Dutschke deutete er die heftige Kritik, der er sich seit seinem Vortrag vor der Burschenschaft Danubia ausgesetzt sah, als üble Kampagne, an der sich „Spitzel und Zuträger von MfS und HVA“ sowie „Profiteure und Parasiten aus dem Kulturbetrieb“ beteiligten. „Die Regie“, so schreibt Rabehl, „verwies nicht auf Antifa-Sekten, sondern auf ausländische Geheimdienste.“Bernd Rabehl: Rudi Dutschke. Revolutionär im geteilten Deutschland. Edition Antaios, Dresden 2002, ISBN 3-935063-06-7, S. 119.

Im Januar 2000 erschienen offene Briefe des Politologen Andrei S. Markovits in der gewerkschaftsnahen Zeitschrift ExpressAndrei Markovits: „Und das ist erst der Anfang“. Mannesmänner, Antisemitismus und die Causa Rabehl. In: express, Nr. 1/2000. und im Tagesspiegel.tagesspiegel.de / Robert Ide: Nach Intervention von Andrei Markovits entlässt die Böckler-Stiftung den Soziologie-Professor als Vertrauensdozenten. Am 10. Februar entband die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung Rabehl von seiner Funktion als Vertrauensdozent. Rabehl trat 2000 aus dem DGB aus und schloss sich später dem Deutschen Handels- und Industrieangestellten-Verband (DHV) im CGB an. Aus diesem wurde er 2005 ausgeschlossen.Arbeitsgruppe „Rechtsextremismus“ in ver.di Berlin-Brandenburg: (PDF; 360 kB); in: „Rechte Gespenster?“ S. 34–37.

NPD, DVU und Konflikt mit dem Otto-Suhr-Institut mini|Bernd Rabehl (Podium, 2. v. r., zusammen mit dem NPD-Vorsitzenden Udo Voigt, l., und dem JN-Bundesvorsitzenden Stefan Rochow, 2.v.l.) am 5. August 2006, Diskussion im Rahmen des Pressefestes der Deutschen Stimme in Dresden-Pappritz