mini|Kloster von Mar Saba bei Betlehem Das Geheime Markusevangelium (übersetzt nach dem Titel der Erstpublikation, A Secret Gospel of Mark) ist die Bezeichnung für ein vermutetes, nicht-kanonisches Markusevangelium. Die Vermutung beruht auf zwei Fragmenten eines Evangelientextes, die in einem Brief des Clemens von Alexandria (um 150–215) überliefert sein sollen, von dem lediglich Fotografien einer Handschrift erhalten sind.

Der Text wäre – sollte er echt sein – Teil eines Briefes des Clemens an einen nicht näher bekannten Theodorus, den Clemens vor dieser Fassung des Markusevangeliums warnt. Denn durch die Bearbeitung des Textes durch Karpokrates von Alexandria sei es verfälscht worden und enthalte Irrlehren. Zitiert werden zwei Passagen, die zwischen und sowie nach 10,46a einzuordnen wären. Von diesem Text wurde auf eine erweiterte bzw. modifizierte Fassung des Markusevangeliums geschlossen.

Entdeckung, Publikation, Rezeption Das Fragment wurde von Morton Smith (1915–1991) im Sommer 1958 im Kloster von Mar Saba gefunden,Klaus Berger, Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Frankfurt 2005, S. 926. als handschriftliche Aufzeichnung am Werkende einer gedruckten Ausgabe der Werke von Ignatius von Antiochien.Werkausgabe, hrsg. von Isaac Voss unter dem Titel: Epistolae Genuinae S. Ignatii Martyris quae nunc primum lucem vident ex bibliotheca Florentina. Amsterdam 1646 (). Smith publizierte den Text anhand von Schwarz-Weiß-Fotografien 1973.Morton Smith: Clement of Alexandria and a Secret Gospel of Mark. Harvard University Press, Cambridge MA 1973, ISBN 0-674-13490-7; sowie in: The Secret Gospel. Harper and Row, New York 1973, dt. Übers. Auf der Suche nach dem historischen Jesus. Entdeckung und Deutung des Geheimen Evangeliums im Wüstenkloster Mar Saba. Ullstein, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-550-07467-0. Obwohl die Echtheit des Textes umstritten ist, wurde der „Theodorus-Brief“ in die neueren Werkausgaben des Clemens von Alexandria aufgenommen.Edition auch in der durch Otto Stählin besorgten Werkausgabe von Clemens Alexandrinus: Ursula Treu (Hrsg.): Die Griechischen Christlichen Schriftsteller. Clemens Alexandrinus 3, Akademie Verlag, Berlin 1980, mit Vermerk der Vorläufigkeit. Morton Smiths The Secret Gospel wurde 1982 neu herausgegeben.Morton Smith: The Secret Gospel. The Discovery And Interpretation of the Secret Gospel According to Mark. Middletown (Kalifornien) 1982 ().

Smith knüpfte an den Text weitreichende Spekulationen bezüglich des historischen Jesus und frühchristlicher Moralvorstellungen. Diese Folgerungen werden von nahezu allen Bibelwissenschaftlern als unhaltbar abgelehnt. Auch die Authentizität des Textes wird von vielen als sehr fraglich erachtet oder komplett bestritten. Viele Forscher hielten den Text rundweg für eine Fälschung von Smith. Dafür sprechen Übereinstimmungen mit der Handlung eines 1940 erschienenen kanadischen Romans von James Hogg Hunter: The mystery of Mar Saba.Vgl. Hans-Josef Klauck: Die apokryphe Bibel: ein anderer Zugang zum frühen Christentum. Mohr Siebeck, Tübingen 2008, S. 87–93, hier S. 89.Craig A. Evans: The Apocryphal Jesus. Assessing the Possibilities and Problems. In: Craig A. Evans, Emanuel Tov (Hrsg.): Exploring the origins of the Bible. Baker, Grand Rapids 2008, S. 147–172.Stephen C. Carlson: The Gospel hoax: Morton Smith's invention of Secret Mark. Baylor University Press, Texas 2005, S. 111.Robert M. Price: Second Thoughts on the Secret Gospel. In: Bulletin for Biblical Research. 14/1 (2004), , S. 127–132, hier S. 131 f. ().Scott Gregory Brown: Mark's other gospel. Rethinking Morton Smith's controversial discovery. Studies in Christianity and Judaism 15, Canadian Corporation for Studies in Religion, Wilfrid Laurier University Press, Waterloo, Ontario 2005, S. 57 ff.Jacob Neusner: Who Needs “The Historical Jesus”? An Essay-Review. In: Bulletin for Biblical Research. Band 4 (1994), S. 113–126, hier S. 115 f. ().

Inhalt Der Empfänger, Theodorus, soll wegen einiger angeblicher Markus-Zitate, die die Karpokratianer verbreiteten, Clemens befragt haben. Clemens berichtet nun, Markus habe in Alexandria ein erweitertes Evangelium verfasst, das dort in der Bibliothek aufbewahrt werde:

Gleichwohl sei Karpokrates, der Anführer einer gnostisch-christlichen Sekte, unter Anwendung hinterlistiger magischer Künste in den Besitz einer Kopie gelangt und beschmutze nun die „makellosen und heiligen Worte“, indem er ihnen „äußerst schamlose Lügen“ beimenge. Und wenn nun die Karpokratianer ihr verfälschtes Werk zeigten, solle man unter Eid verneinen, dass es das Geheime Evangelium des Markus sei – auch wenn es Teile dieses Evangeliums enthalte.

Es folgt eine Passage des „Geheimen Evangeliums“ im Originaltext unter Angabe der genauen Textstelle (zwischen Mk 10,34 und 35):

Anschließend weist der Verfasser darauf hin, dass die Worte „nackter Mann mit nacktem Mann“ und die anderen Dinge, von denen Theodorus geschrieben habe, dort nicht vorhanden seien.

Außerdem füge das Geheime Markusevangelium den Worten „Und er kommt nach Jericho“ (in ) noch Folgendes hinzu:

Hier bricht der Brief mitten auf der Seite ab.

Forschungsdiskussion Der Forschungsbericht von Morton Smith und seine daraus gezogenen Folgerungen wurden in der bibelwissenschaftlichen Forschung zum größten Teil mit Skepsis aufgenommen.

Diskussion zur Echtheit der Abschrift Die von Smith beschriebenen Dokumente sollen nach dem Transfer vom Kloster Mar Saba bei Jerusalem in die Bibliothek des Orthodoxen Patriarchates in Jerusalem nicht mehr aufzufinden sein. Es sind die von Smith 1973 publizierten photographischen Reproduktionen bekannt. Seit dem Jahr 2000 liegen auch später angefertigte Farbfotografien vor, die Handschrift selbst gilt als verschollen.Markschies, S. 391. Das methodologische Prinzip wurde verletzt: „The authenticity of a text can only be stablished by the consensus of experts who have studied the original document under scientifically appropriate circumstances.“J. D. Crossan: Four Other Gospels. Minneapolis 1985, S. 100, zitiert nach Markschies 391 f. Deutsch: „Die Echtheit eines Text kann nur bestätigt werden durch ein übereinstimmendes Urteil von Experten, die das Originaldokument unter wissenschaftlich angemessenen Umständen untersuchen konnten.“ Somit bringen die Farbfotografien keinen neuen Beweis für die Echtheit.Bart D. Ehrman: Response. S. 155–163, nach Markschies, S. 392, Anm. 5. Smith selber hat sich niemals bemüht, das Original vorzulegen.Markschies, S. 391. Eine Bestätigung der Echtheit der Abschrift und ihre zeitliche Einordnung ist somit methodisch unmöglich, solange das Original nicht vorliegt. Da es keine Originale mehr gibt, sondern nur die 1973 publizierten Fotos aus dem Jahr 1958, kann das Alter des Manuskripts nicht durch chemische Analyse festgestellt werden.Siehe Bernd Kollmann: Die Jesus-Mythen. Sensationen und Legenden. 2. Auflage. Herder, Freiburg 2009, ISBN 978-3-451-32198-6, S. 55.

Diskussion zum Inhalt der Schrift Frühe linguistische Analysen hielten eine Verfasserschaft durch Clemens von Alexandria für möglich. Allerdings wurden inhaltliche Diskrepanzen zum sonstigen Werk des Clemens festgestellt.

Der Text kommt verschiedentlich dem Johannesevangelium und anderen Evangelien nahe.Vgl. F. F. Bruce: (PDF; 172 kB) Ethel M. Wood Lecture delivered before the University of London on 11 Feb. 1974. The Athlone Press, London 1974.

Hypothese einer gnostischen Texterweiterung des kanonischen Markusevangeliums Mehrere Neutestamentler sehen im von Smith publizierten Text eine gnostische Überarbeitung des Markus-Evangeliums aus dem 2. Jh.Siehe etwa Gerd Theissen, Annette Merz: Der historische Jesus. 2001, S. 130: „Die Mehrheit der Ausleger sieht das geheime Evangelium als eine gnostische Revision des kanonischen Markus, die im zweiten Jahrhundert verfasst wurde. Dies wird unterstützt durch die Betonung ihres ‚geheimen‘ Charakters und seinen Gebrauch in karpokratischen Kreisen, die es offensichtlich verwendeten, um bestimmte liturgische Gebräuche zu legitimieren.“ Ähnlich äußerten sich Robert H. Gundry 1993, N.T. Wright 1996 und Wilhelm Schneemelcher in: Neutestamentliche Apokryphen. 5. Auflage. Band 1, S. 92. Klaus Berger datiert den Text auf etwa 130.Klaus Berger, Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Frankfurt 2005, S. 926.

Auch unter der Annahme einer Verfasserschaft des Clemens ist die Authentizität seines Berichts fraglich. Denn kein anderer Autor bezeugt diese Textfassung des Markusevangeliums, und Clemens gilt nicht als durchgehend verlässliche Quelle bei der Zuschreibung und Anerkennung außerkanonischer und apokrypher Texte.

Erklärungsbedürftig ist unter der Annahme einer gnostischen Texterweiterung die Erzählung vom „jungen Mann“ in Mk 14,50–52 und die Lücke in Mk 10,46, die bereits vor der Entdeckung des „Geheimen Markusevangeliums“ bekannt war. Man müsste den Autoren der gnostischen Erweiterung unterstellen, die sprachlichen Inkonsistenzen im Markusevangelium ebenfalls wahrgenommen und auf hochkomplexe Weise gelöst zu haben.

Hypothese eines zeitlichen Vorrangs des „Geheimen Markusevangeliums“ Nur sehr wenige Forscher nehmen an, dass das Geheime Markusevangelium älter ist als das kanonische Markusevangelium. Helmut Koester beispielsweise argumentiert für folgende Textentwicklung: Anfangs stand die Ur-Fassung, die Matthäus und Lukas verwendet hätten. Danach sei jener Markus-Text publiziert worden, welchen die alexandrinische Kirche besessen habe. Daraus sei dann die gnostifizierte Version von Karpokrates hervorgegangen. Bald darauf oder gleichzeitig sei eine gekürzte Version von Markus weithin publiziert und zum kanonischen Markusevangelium geworden. Der Ur-Markus sei, ebenso wie die Logienquelle Q, nicht erhalten geblieben. Koester vermutet auch noch weitere Reflexe des „Geheimen Markusevangeliums“ im kanonischen Markustext.Vgl. H. Koester: From Jesus to the Gospels. Interpreting the New Testament in its context. Fortress, Minneapolis 2007, S. 52.

Diese Hypothese beruft sich auf zwei Stellen im kanonischen Markus-Evangelium. So heißt es dort anlässlich der Festnahme Jesu durch die Hohepriester:

Dass der junge Mann, der Jesus zu folgen versuchte, nur mit einem Leinentuch bekleidet war, ist unter der Annahme der Vorgängerschaft des „Geheimen Markus-Evangeliums“ erklärbar: Es handelt sich dann um den Jüngling, den Jesus zuvor in Betanien von den Toten auferweckt hatte (nach also um Lazarus). Ein solcher Bezug auf Lazarus wird auch von Autoren vermutet, die sich nicht auf das Geheime Markusevangelium beziehen. Die allgemeine kirchliche Tradition geht allerdings davon aus, der Jüngling sei Markus selbst gewesen.

Auch kann der abrupte Übergang in (im ersten Satz kommen die Jünger nach Jericho, im zweiten Satz verlassen sie es bereits wieder) bei Zugrundelegung des „Geheimen Markus-Evangeliums“ als Folge einer Kürzung erklärt werden.

Die ungewöhnliche Schrumpfung des Markus-Evangeliums kann dann erklärt werden als Zensur von Stellen, die nicht mit der späteren kirchlichen Lehre übereinstimmten. So verurteilt etwa Paulus an verschiedenen Stellen die gleichgeschlechtliche Begierde zwischen Männern . Dies könnte ein Grund sein, warum das längere der beiden oben zitierten Fragmente gestrichen wurde. Die Streichung des kürzeren Fragments dürfte sich dagegen der Erwähnung Salomes verdanken. In gnostischen Schriften werden Salome und Maria Magdalena zu den Jüngern gerechnet.

Gegen die Annahme, dass das Geheime Markusevangelium dem kanonischen Markustext vorausliegt, wird u. a. das textkritische Prinzip ins Feld geführt, dass die kürzere von zwei Textvarianten meistens auch die ältere ist. Auch gibt es für die Annahme einer „Zensur“ keinerlei unabhängige Belege oder nachweisliche Parallelen.

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