Herzeliebez vrouwelin (L 49,25) ist ein Lied von Walther von der Vogelweide. Es thematisiert die Liebe zwischen einem Mädchen mit anscheinend niederem sozialen Status und einem Minnesänger. Das Lied zählt zu einem der populärsten und am meisten in der Forschung diskutierten Lieder Walthers, da es sich bedeutend von den bis dato geläufigen traditionellen Minneliedern abhebt.Günther Schweikle: Walther von der Vogelweide. Werke. Gesamtausgabe. S. 680. Zugeordnet wird das Lied, ausgehend von dem in ihm vertretenen Minneideal, den so genannten „Mädchenliedern“. Diese leiten einen Wendepunkt im traditionellen Minnesang ein. Ihre Bedeutung ist jedoch in der mediävistischen Literaturgeschichte stark umstritten.
Inhalt Eingeleitet wird das Lied durch eine Liebesbekundung des sprechenden Ichs gegenüber dem besungenen Mädchen, die zugleich die Angst vor dem Scheitern des gemeinsamen Glücks impliziert (I, 1ff.). Darauf folgt ein Zwiegespräch, das der Sprecher mit den Kritikern seines Sanges führt, und in dem er sich mit deren Vorwürfen auseinandersetzt (II, 1ff.). Im Anschluss erfolgt eine Wertediskussion über die Hierarchie der Qualitäten „Liebe“ und „Schönheit“. (III, 1ff.) In der vierten Strophe offenbart das sprechende Ich dem frouwelin erneut seine tiefen Gefühle und stellt sie in ihrer Bedeutung über eine Königin (IV, 1ff.). Abschließend werden die Bedingungen genannt, die vorhanden sein müssen, um eine erfüllte Liebesbeziehung der beiden Minnepartner zu gewährleisten (V, 1ff.).
Überlieferung „Herzeliebez vrouwelin“ ist eines der am häufigsten überlieferten Lieder Walthers und ist bereits im Mittelalter in fünf Handschriften weit verbreitet und noch heute in selbigen zu finden:Günther Schweikle: Walther von der Vogelweide. Werke. Gesamtausgabe. S. 679.
Name Sigle Zeit Ursprung Aktueller Standort Sprache Material Große Heidelberger Liederhandschrift C Erste Hälfte 14. Jahrhundert Vermutlich Schweiz Universitätsbibliothek Heidelberg alemannische Schreibvarietät Pergament Kleine Heidelberger Liederhandschrift A Ende 13. Jahrhundert Elsass Universitätsbibliothek Heidelberg alemannisch Pergament Würzburger Liederhandschrift E vor 1355 Würzburg Universitätsbibliothek München Schreibsprache der Würzburger Kanzelei Pergament G Mitte 14. Jahrhundert unklar Bayerische Staatsbibliothek bairisch Pergament O Ende 13. Jahrhundert Kölner Raum Universitätsbibliothek Krakau westmitteldeutsch Pergament
Überdies finden sich drei Verse (III, 4-6) in der Haager Liederhandschrift s im Anschluss an eine Strophe des „Mailiedes“ (51,13). Die Liederhandschrift entstand um 1400 im Niederrhein-Gebiet, ist heute in der Königlichen Bibliothek Den Haag zu finden und in Mittelniederländisch verfasst.Horst Brunner u. a.: Walther von der Vogelweide. Epoche, Werk, Wirkung. S. 33. Die Überlieferungen unterteilen sich in oberdeutsche, mittel- und niederdeutsche und in niederländische Varietäten. Das Lied ist somit im gesamten deutschen Sprachraum vertreten. Wie die meisten Waltherlieder ist auch dieses in allen Schriften ohne dazugehörige Melodie aufgezeichnet worden. Alle Handschriften sind in einem Faksimile-BandHorst Brunner u. a. (Hrsg.): Walther von der Vogelweide. Die gesamt Überlieferung der Texte und Melodien. Abbildungen, Materialien, Melodietranskriptionen. 1977. in Abbildungen zugänglich, mit Ausnahme von O.Horst Brunner u. a.: Walther von der Vogelweide. Epoche, Werk, Wirkung. S. 29 f.
Fassungsdifferenzen Es existieren zwei verschiedene Fassungen des Liedes, deren Differenz sich an der Anrede festmachen lässt. So steht in Fassung C „herzeliebe frouwe mir“, in den Fassungen AEG jedoch „herzeliebez vrouwelin“. Da sich die Verse eins und drei der ersten Strophen in sich stimmig reimen, wird nicht von einem Schreibversehen ausgegangen. Diese Reimung verläuft in Fassung C wie folgt: mir (I, 1) : dir (I, 3), in den Fassungen A, E und G sieht sie hingegen so aus: -lin (I, 1): din (I, 3).
Es besteht Unklarheit darüber, ob eine der beiden Fassungen als eine Frühfassung oder eine Überarbeitung angesehen werden kann. Des Weiteren existieren in den Fassungen zum Teil sehr unterschiedliche Reihenfolgen der Strophen: Fassung Reihung C 1 2 3 4 5 AEG 1 2 4 3 5 O 1 3 2 4 5
Ebenfalls sind vereinzelt textliche Abweichungen in den einzelnen Handschriften nachzuweisen, die jedoch nicht so gravierend sind, dass in der Forschung grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Herstellung einer kritischen Textausgabe vorliegen.Heike Sievert: Studien zur Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide. S. 56. Diese Textvarianz kann auf den Autor selbst oder auf spätere Bearbeiter zurückgehen, was nicht genau nachzuweisen ist.Otfrid-Reinald Ehrismann: Einführung in das Werk Walthers von der Vogelweide. S. 21. Zurückzuführen sind diese Abweichungen unter anderem darauf, dass das gedanklich schwierige Lied nach der Veröffentlichung in verschiedener Weise vereinfacht wurde. Ein Grund hierfür war, dass der deutsche hochartistische Gedankenstil um 1200 im 13. Jahrhundert mehr und mehr einem Brauchtumsstil wich.Hugo Kuhn: Minnelieder Walthers von der Vogelweide. Ein Kommentar. S. 87. Alle heute gängigen Editionen und Interpretationen beziehen sich auf die dreifach bezeugte Fassung AEG.Inga Hemmerling: Walthers Mädchenlieder im Kontext seiner Minnesang-Konzeption. S. 7.
Form Aufbau Sechszeilige Strophen: zweizeilige Stollen und zweizeiliger Abgesang. Dieses Grundmuster findet sich in zehn Waltherliedern.
Analyse Charakteristisch für dieses Lied sind die leichtgängigen Verse sowie die semantische und formale Einfachheit des Baus. Es besteht aus 5 Strophen, die jeweils in sechs Verse aufgeteilt sind und dasselbe Reimschema tragen. Man spricht hier von einer sechszeiligen Stollenstrophe. Auffällig ist, dass alle Strophen mit einer Langzeile abschließen. Hierunter versteht man Zeilen mit wenigstens sieben Hebungen, die durch eine „feste“, d. h. durch eine sich jedes Mal an der gleichen Stelle wiederholende Zäsur gegliedert sind.Horst Brunner u. a.: Walther von der Vogelweide. Epoche, Werk, Wirkung. S. 50 f. Anzunehmen ist, dass hierdurch der letzte Vers der Strophe in seiner Bedeutung besonders hervorgehoben werden soll. Die ersten vier Verse besitzen jeweils vier Hebungen, diese kennzeichnen den Aufgesang, dessen Reime im Kreuzreimschema stehen. Der Abgesang wird gebildet durch den fünften Vers mit vier Hebungen, gefolgt von einem achthebigen Langvers mit Zäsur. Er trägt ein Paarreimschema.
I. Aufgesang:
4a 4b} Stollen
4a 4b} Gegenstollen
II. Abgesang:
4c 4x 4c
Zu Walthers Zeit stellte diese der Romania entlehnte dreiteilige Kanzonenform die Regelform dar und unterschied sich somit maßgeblich in Konzept, Inhalt und Bauform der Strophen von dem vorausgehenden Donauländischen Minnesang. Inga Hemmerling verweist darauf, dass Lieder, die der niederen Minne bzw. den Mädchenliedern zugeschrieben werden, zwar vielfach den einfachen Bau der Kanzone aufweisen, dies aber nicht, wie teilweise angenommen, ein Indiz für einen einfachen Inhalt oder für den niedrigen sozialen Status der Adressatin darstellt.Inga Hemmerling: Walthers Mädchenlieder im Kontext seiner Minnesang-Konzeption. S. 8. Die metrische Form des Versschlusses ist überwiegend männlich, es handelt sich um einen stumpfen Reim, der sich einzig über eine Strophe erstreckt.
Auffällig ist, dass das Satzende und der Periodenschluss des Liedes, mit Ausnahme von Strophe fünf, fast immer zusammenfallen. Es ist anzunehmen, dass somit der Zusammenhang der beiden Strophen unterstrichen werden soll. Auf diese Weise kann zu einem besseren Textverständnis verholfen werden.Martha Heeder: Ornamentale Bauformen in hochmittelalterlicher deutschsprachiger Lyrik. S. 426.
Interpretation Bereits die das Lied eröffnende, an die besungene Frau gerichtete Anrede „herzeliebez vrouwelin“ (I, 1) ist in ihrer Auslegung in der Mediävistik häufig diskutiert worden. Das Nomen „herzeliebe“ (I, 1), gedeutet als Ausdruck wahrer Gefühle aus dem Inneren, wird verknüpft mit dem Diminutiv „vrouwelin“ (I, 1) von frouwe und lässt sich mit „kleine Herrin der Herzeliebe“ übersetzen. Mittels dieses Kompositums wird eine persönlich vertraute Nähe erzeugt sowie eine gleichermaßen von Zärtlichkeit und Achtung geprägte Atmosphäre. Die Liederöffnung kann somit als Ausdruck eines hoffnungsvollen Gefühls gelesen werden.Heike Sievert: Studien zur Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide. S. 43. Die in den einleitenden Worten versinnbildlichte persönliche Beziehung des Sprechers und der Frau stellen in ihrer Innigkeit ein Novum im traditionellen Minnesang dar, so Heike Sievert, die mit dieser Auffassung die allgemeine Forschungsmeinung repräsentiert. Mittels der Anrede wird die Distanz zwischen Sprecher und Frau aufgehoben und die höfische Etikette durchbrochen.Manfred Scholz: Walther von der Vogelweide. S. 121. Statt in Hinblick auf die Öffentlichkeit, d. h. mit dem höfischen Publikum als Resonanzebene, über eine Frau zu singen, offenbart das sprechende Ich seine Liebe gegenüber der Partnerin. Mit dieser Seltenheit wird „sofort Aufmerksamkeit und ein besonderes Spannungsverhältnis zwischen Sänger und Publikum hervorgerufen.“Heike Sievert: Studien zur Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide. S. 44.
Dorothea Ader betont hingegen, dass die höfische Formel frouwe als Ziel des Minnens deutlich erkennbar bleibe und lediglich einer leichten Abwandlung unterzogen werde. Somit bliebe nach ihrer Auffassung das Ideal der Hohen Minne bewahrt, auch wenn sie einräumt, dass die zeitgenössische Hörerschaft höchstwahrscheinlich die Neuerung im bereits Bekannten bemerkt haben dürfte.Dorothea Ader: Walther von der Vogelweide. Herzeliebez fowelin. S. 67.
In der heutigen Forschung weitgehend unumstritten hingegen ist, dass das Diminutiv frouwelin keinen Aufschluss über den sozialen Status der Adressatin gibt und somit nicht explizit ein Mädchen niederen Standes besungen wird. Abzuleiten ist dies unter anderem von den diversen Bedeutungen dieses Begriffs. Er steht nach Hugo Kuhn sowohl für die verheiratete als auch unverheiratete adelige Dame und auch für die standesniedere Dirne.Hugo Kuhn: Minnelieder Walthers von der Vogelweide. Ein Kommentar. S. 70. Die Annahme, dass mit diesem Wort die Ständeklausel angegriffen werde, wird als hypothetisch gewertet. Größtenteils akzeptiert wird hingegen die Aussage Friedrich Neumanns, dass es die Vertraulichkeit ist, die das Wort vrouwelin in einer ständisch gegliederten Welt fähig macht, das Ständische zu durchbrechen.Friedrich Neumann: Walther von der Vogelweide. Herzeliebez vrouwelin. S. 58. Der Stand des vrouwelins bleibt im gesamten Lied vage und klingt lediglich in Strophe 2, 1 und Strophe 3, 6 an.
In der zweiten Zeile steht eine gebeugte Form des im traditionellen Minnegesang selten gebrauchten Personalpronomens „du“ (I, 2) statt des üblichen distanzierten ir. Hierdurch wird ein harmonisierender Einklang zur ersten Anrede geschaffen und die bestehende Intimität beider Partner nochmals unterstrichen. Der im Sinne einer neutralen Grußformel zu lesende Segenswunsch des Mannes “ got gebe dir hiute und iemer guot” (I, 2), klanglich gekennzeichnet durch eine g- Alliteration, ist als ein weiteres Zeichen von Zuneigung und der Sorge um Glück und Wohlergehen der Frau zu verstehen.
Der darauffolgende Wunsch des sprechenden Ichs „kund ich baz gedenken din, des het ich willeclichen muot“ (1, 3f.) und das Eingeständnis, dass das Ich nicht mehr sagen könne, als dass niemand anderes dem fouwelin gegenüber mehr Zuneigung verspüre als es selbst (Vgl. I, 5f.), können als Varianten von “Ich liebe dich” gelesen werden.
Hierdurch erfolgt eine Reduktion weitschweifiger Liebeserklärungen auf wenige kunstvoll verknüpfte Worte.Martha Heeder: Ornamentale Bauformen in hochmittelalterlicher deutschsprachiger Lyrik. S. 427.