mini|hochkant=1.6|Saint-Austremoine d’Issoire, Chorhaupt, von O Die ehemalige Benediktinerabteikirche Saint-Austremoine liegt in der französischen Stadt Issoire in der Region Auvergne-Rhône-Alpes im Département Puy-de-Dôme am Fluss Allier und 37 km südlich von Clermont-Ferrand.
Saint-Austremoine gehört zu den sechs Hauptkirchen der romanischen auvergnatischen Bauschule in der Basse-Auvergne (Limagne), einer Landschaft um die Stadt Clermont-Ferrand. Es handelt sich um die Kirchen (in Reihenfolge ihrer Größen): Saint-Saturnin, Saint-Nectaire, Notre-Dame d’Orcival, Notre-Dame-du-Port de Clermont-Ferrand, Mozac, und Saint-Austremoine d’Issoire. Die Mutterkirche dieses Stiltypus war die vorromanische Kathedrale von Clermont-Ferrand, die einem gotischen Neubau weichen musste. Diese Kirchen weisen zahlreiche Ähnlichkeiten auf, so dass man annehmen kann, dass sie von demselben Baumeister erschaffen wurden.
St-Austremoine d’Issoire ist die großräumigste und vollständigste dieser Hauptkirchen. Ihr Äußeres ist reicher als das aller anderen geschmückt. Das Bauprojekt von Issoire war von hoher Bedeutung und scheint in einer einzigen Ausführungskampagne ohne jede Unterbrechung abgeschlossen worden zu sein. Allein im Westbau findet man im Narthex Mauerwerksreste einer älteren Kirche, die über einen längeren Zeitraum Vorhalle gewesen sein soll.Bernd Craplet, Romanische Auvergne, Zodiaque-Echter, Echter Verlag; S. 111. mini|hochkant|Saint-Austremoine, Statue, 17. Jahrhundert Geschichte Bernd Craplet, Romanische Auvergne, Zodiaque-Echter, Echter Verlag; S. 111–112.http://architecture.relig.free.fr/issoire.htm Das gallo-römische Iciodurum geht auf eine Gründung des Keltenstamms der Arverner zurück. Es wurde auch Isiodorens genannt und später lange Zeit – bis zur Revolution – Yssoire geschrieben.
Der heilige Stremonius oder Stramonius (frz. Saint Austremoine oder Austromoine) war einer von sieben Bischöfen, die von Papst Fabian (* vor 200; † 20. Januar 250) in der Mitte des 3. Jahrhunderts von Rom nach Gallien gesandt worden sein sollen, um das Evangelium zu predigen. Nach Gregor von Tours soll das nach 250 gewesen sein. Heutigen Forschungen zufolge wurde die Gegend aber erst im 4. Jahrhundert christianisiert.
Saint Austremoine war der erste Apostel der Auvergne und der erste Bischof von Clermont. Zu Lebzeiten von Gregor von Tours (538/39 bis 594) befand sich seine Grabstätte in Issoire. Gregor berichtete, dass der Diakon Cautin, den er persönlich kannte und der später Bischof von Clermont war, die Verehrung des in Vergessenheit geratenen Heiligen wieder aufleben und seine Grabstätte dekorieren ließ.Bernd Craplet, Romanische Auvergne, Zodiaque-Echter, Echter Verlag; S. 112.
Die Reliquien des Saint Austremoine wurden um 675 bis 690 wahrscheinlich von Avis II., Bischof von Clermont, nach Volvic überführt und neben der Grabstätte des Saint-Praejectus, der sein Vorgänger war, erneut bestattet. Um 848 erfolgte eine weitere Überführung von Volvic nach Mozac in Anwesenheit eines Königs Pippin, vermutlich Pippin II. von Aquitanien (* wohl 823; † nach 864 in Senlis).
Das Kloster von Issoire ist sehr alt. In einem Text aus dem 9. Jahrhundert, der Vita prima Austremonii, heißt es, dass seine Gründung auf Saint Austremoine selbst zurückgehe. Diese Behauptung ist allerdings unwahrscheinlich, kann aber als Hinweis für das hohe Alter angesehen werden.
Im 10. Jahrhundert stellten die Mönche der Benediktinerabtei Charroux im Poitou (gegründet 785), die mit ihren Reliquien vor den Normannen nach Pierre-Encize (Saint-Yvoine) in der Auvergne geflohen waren, das Kloster von Issoire wieder her. Sie brachten das Schädelreliquiar des Saint Austremoine mit, dass ihnen angeblich von Roger von Aquitanien übergeben worden war.
Unter dem Episkopat von Bernhard, Erzbischof von Clermont um 940, ließ Abt Gilbert eine Basilika mirae magnitudinis, „eine Basilika von erhabener Größe“, errichten. Diese Information wurde durch eine Schrift aus dem Jahr 1197 überliefert, die über eine in Mozac erfolgte Anerkennung der Reliquien des heiligen Austremoine aufgrund von Streitigkeiten zwischen den beiden Abteien berichtet. Bei dieser Kirche handelte es sich wahrscheinlich um den Vorgängerbau der heutigen.
Über den Zeitpunkt der Erbauung der heutigen Kirche gibt es keine schriftlichen Belege. Sie wird aber gemeinhin auf das zweite Drittel des 12. Jahrhunderts (zwischen 1133 und 1166) datiert.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts setzten die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela in Nordspanien ein. Ihre große Blütezeit war die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts, als die Pilger jährlich zu Hunderttausenden nach Süden zogen. So bildete sich der Jakobsweg in Frankreich aus vier Hauptrouten und einem Netz zahlreicher Nebenrouten. An diesen Wegen entstanden zahlreiche neue Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und Friedhöfe; vorhandene Einrichtungen wurden den neuen Anforderungen entsprechend erweitert. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem große Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, Emporen sowie möglichst viele Kapellen zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung.Julia Droste Hennings, Thorsten Droste, Frankreich der Südwesten, Dumont Reiseverlag, Ostfildern 1. Auflage 2007; S. 25.
mini|hochkant=0.6|links|Jakobspilger, Holzschnitt (1568) mini|Jakobsgrab in Santiago-de-Compostela
Wie auch bei den anderen Hauptkirchen der basse Auvergne (nördliche Auverne) war die starke Entwicklung der Pilgerfahrten nach Spanien und die dabei erhofften Einkünfte die Ursache für die Erbauung einer solchen Pilgerkirche auch in Issoire, das an einer wichtigen Nebenroute, zwischen den Hauptrouten Via Lemovicensis und der Via Podiensis lag, die von Nevers ausgehend die ganze Auvergne erschloss und weiter nach Süden führte. Ihre Erbauung fiel genau in die Blütezeit dieser Pilgerfahrten.
Das Kloster von Issoire muss auch schon vor den Pilgerfahrten recht wohlhabend gewesen sein, denn die große Ausdehnung des Bauvorhabens mit einer äußeren Länge von immerhin knapp 70 Metern ließe sich kaum anders erklären.Ulrich Rosenbaum, Auvergne und Zentralmassiv, Dumont Buchverlag Köln, 4. Auflage 1986; S. 96.
Da bei diesem Bauwerk nichts auf eine Unterbrechung oder Wiederaufnahme der Bauarbeiten hindeutet, geht man davon aus, dass das Bauvorhaben in einer einzigen Ausführungskampagne ohne Unterbrechung durchgeführt und abgeschlossen wurde. Das schließt allerdings nicht aus, dass während der Bauarbeiten Teile des Vorgängerbauwerks zunächst weiterhin den Pilgern für Gottesdienste und Reliquienverehrung zur Verfügung stand. Bei der Errichtung des neuen Bauwerks wurde wie bei fast allen Hauptkirchen im Osten mit der Krypta und dem Chorhaupt begonnen und der Bau dann abschnittsweise über das Querhaus und das Langhaus bis zum Westbau mit Narthex weitergeführt und dort beendet. Dabei wurden die jeweils fertiggestellten Abschnitte den Pilgern zur Benutzung zugänglich gemacht und gleichzeitig das Vorgängerbauwerk ebenso abschnittsweise zurückgebaut. Dieses Vorgehen sicherte dem Kapitel des Klosters die ununterbrochene Teilnahme an der hohen Spendenbereitschaft der Jakobspilger, vor allem zur Finanzierung ihrer Bauvorhaben wie die neue Pilgerkirche und die Erhaltung und beträchtliche Erweiterung der Konventsgebäude.
mini|hochkant=0.85|Schlacht von Auray (1364) im Hundertjährigen Krieg, Miniatur 14. Jahrh. Als nach der Mitte des 12. Jahrhunderts die Streitereien zwischen Frankreich und England um Aquitanien begannen, gingen die Pilgerbewegungen zurück. Die späteren Kriege des 13./15. Jahrhunderts, wie etwa der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch und führte nahezu zum völligen Erliegen der Pilgerströme nach Spanien. Dementsprechend konnte das Kapitel von Saint-Austremoine nach Fertigstellung seiner Pilgerkirche nicht mehr lange an den Spendeneinnahmen der Jakobspilger teilhaben. Es verblieben ihm lediglich die Einnahmen aus regionalen Wallfahrten.
Die Kirche wurde in Dokumenten erst zu einer Zeit erwähnt, als sie beinahe für immer verloren ging. Kurz vor Beginn der Religionskriege (1562–1598), im Jahr 1540, konvertierte ein Teil der Bevölkerung Issoires zum protestantischen Glauben und die Stadt wurde in den Strudel der Religionskriege hineingezogen.
Im Jahr 1574 bemächtigte sich der im Dienst der Hugenotten stehende Kapitän Merle der Stadt und ihres Klosters. Die Mönche wurden niedergemetzelt und das Kloster geplündert. Um das Kirchenbauwerk, dessen Pracht die Protestanten störte, zum Einsturz zu bringen und in Brand zu setzen, wurde ein Pfeiler am Kapitell mit Holzpfählen unterstützt und die Pfeilerbasis herausgeschlagen. Die Pfähle wurden anschließend angezündet. Aber dieses Unterfangen hatte keinen Erfolg. Die beiden Türme der Kirche wurden dann so stark abgerissen, dass sie schließlich in sich zusammenbrachen. Auch die Kapitelle im Innern der Kirche hatten unter der Besetzung Merles und seinen Männern gelitten. Sie wurden teils erheblich beschädigt. Sie sollen im 17. Jahrhundert mit Gips repariert worden sein.
Ironischerweise wurde die Stadt und das Kloster zwei Jahre später bei der Rückeroberung durch katholische Truppen zerstört. Allerdings blieb dabei Saint-Austremoine weitgehend verschont. mini|hochkant=1.4|links|Abtei Saint-Austremoine d’Issoire, Grafik vor 1789, Ansicht von Osten
In einer Druckgrafik, die vermutlich im 18. Jahrhundert, vor der Französischen Revolution (1789 und Folgezeit) entstanden ist, wird die gesamte Anlage des Klosters in einer Panorama-Perspektive aus östlicher Richtung dargestellt. Auf der Südseite der Kirche dehnen sich weitläufige ein- bis dreigeschossige Gebäudetrakte der Konventsgebäude in rechtwinkliger Anordnung zueinander aus, die drei große Höfe umschließen. Der unmittelbar an die Kirche anschließende Hof wird im Erdgeschoss von einem Kreuzgang eingefasst. An der Ostseite des Gebäudekomplexes schließt ein großer rechteckiger Park an, der von einem rechtwinkligen Wegenetz gegliedert wird. Die Klostergebäude, Höfe und der Park werden umschlossen von einer hohen Wehrmauer mit einem inneren Wehrgang. An der südlichen Wehrmauer fließt der Allier vorbei.
Als die Grafik entstanden ist, waren offensichtlich die 1574 eingestürzten Türme über der Vierung und über dem Westbau nicht mehr vorhanden. Sie sollten erst im 19. Jahrhundert „rekonstruiert“ werden. Der Grafiker hat sie vielleicht frei erfunden. Demgegenüber entspricht die Gliederung der Chorpartie fast der heute noch erhaltenen Version. Lediglich die Chorhöhe überragt deutlich die Höhe des heutigen massif barlong. Die dargestellten Türme könnten aber auch tatsächlich existiert haben, die vielleicht gegen Ende des 16. Jahrhunderts errichtet worden sind und dann etwa 270 Jahre lang Bestand hatten. (Siehe auch Grafik von Viollet-le-Duc.)
Während der Revolution fand auch in Issoire eine allgemeine Plünderung kirchlicher Einrichtungen statt, von der allerdings die Kirche weitgehend verschont blieb. Die umfangreichen Konventsgebäude wurden als „öffentliches Eigentum“ zum Abbruch verkauft. Südlich der Kirche gibt es heute noch einen rechteckigen Platz, der von mehrgeschossigen Bauten umschlossen wird, die an die ehemaligen Konventsgebäude erinnern. Der ehemalige Park ist heute ein großer Parkplatz.
Im Jahr 1830 sollen die Kapitellskulpturen ein zweites Mal – aber mit Stuck – repariert worden sein.