mini|Christian Ide Hintze: Vortrag Universität Barcelona, 2009 Christian Ide Hintze (* 26. Dezember 1953 in Wien; † 10. Februar 2012 ebendachristian ide hintze (aut) auf sfd.at, abgerufen am 1. September 2019) war ein österreichischer Lyriker und Aktionskünstler, Performance- und Multimediapoet. Er folgte in seinen Arbeiten einer 7-dimensionalen Poetik: akustisch, visuell, literarisch, performativ, interaktiv, infrastrukturell und instruktiv.
Biografie Hintze vertrat einen weit gefassten Poesiebegriff, der von den Übergängen zwischen analogen und digalen Techniken geprägt ist. Er war Autor von Aktionen, Installationen und Songs, von Audio-, Video- und Performance-Gedichten, von Zettel-, Plakat- und Buchtexten. Er initiierte mit Sonja Moor, Christian Loidl, Christine Huber und Gertraud Marinelli-König die Schule für Dichtung in Wien und war seit 1992 ihr Direktor.
Anfänge Hintze wurde 1953 in Wien-Ottakring geboren, verbrachte seine Kindheit in Salzburg-Taxham und Laßnitzhöhe bei Graz und absolvierte die Matura in Wien-Landstraße. 1972 ging er nach München, arbeitete als Reinigungskraft, Prospektverteiler und Schlüsseldienst für die Olympischen Spiele und zog danach als Straßensänger durch Skandinavien, England, Frankreich und Spanien. Von 1973 bis 1977 studierte er an der Universität Wien Theater- und Kommunikationswissenschaften. 1976 realisierte er im Rahmen der „Szene der Jugend“ in Salzburg das Instant Street Drama „Kundgebung der Anwesenden“ und beteiligte sich in Wien an der Besetzung der ARENA. Im selben Jahr wurde er in Ostberlin von Organen der Volkspolizei wegen Verbreitens von Flugzettelgedichten verhaftet und verhört. 1978 folgte die Verurteilung wegen Beklebens des Wiener Burgtheaters mit Gedichten und Plakaten. Im Zuge seiner Aktionen ergaben sich Bekanntschaften mit H.C. Artmann, Wolfgang Bauer, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und Helmut Seethaler. 1979 wurde der unter der Regie von Alfred Kaiser Independent film and video database entstandene Kinofilm „Zetteldämmerung“, ein auf den Straßen Deutschlands und den Niederlanden gedrehtes Porträt des Künstlers, uraufgeführt.
1980er In den 1980er Jahren gelangten Hintzes Arbeiten aus dem Bereich „expanded poetry“ vermehrt in den Fokus der internationalen Wahrnehmung. Er verfasste tetralogische Sprachwerke, die aus akustischen, visuellen, literarischen und performativen Elementen bestehen, produzierte Beiträge für Buch-, Tonband-, Video- und CD-Anthologie MedienKunstArchiv, Düsseldorf n und war auf Festivals in Ljubljana, Den Haag, Turin, Tokio, Rio de Janeiro und Bern mit Audio-, Video- und Performance-Poesie vertreten. Aus Begegnungen mit dem burgenländischen Zeichner Emil Siemeister, dem US-amerikanischen Beat-Poeten Allen Ginsberg, dem französischen Audiopoeten Henri Chopin und dem österreichischen Popstar Falco entwickelten sich langjährige Bekanntschaften und Kollaborationen. 1984 baute Hintze in Wien, im Resselpark nahe der U-Bahn-Station Karlsplatz, einen Dichtertempel. Das Projekt „LI-TE“, eine closed-circuit-Installation im öffentlichen Raum, bestand aus vier Buchstabenskulpturen, einem hölzernen Trompetenkreuz und einer Hütte, in der Hintze drei Wochen lang lebte und arbeitet. Der Tempelbau wurde von der Firma GRUNDIG-Austria gesponsert und war mit drei Live-Kameras und elf Monitoren bestückt, über die 16 Videoloops liefen. 1987 erschien im Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag sein Gedichtebuch „Die goldene Flut“.
1990er 1990 besuchte Christian Ide Hintze auf Einladung Allen Ginsbergs die „Jack Kerouac School of Disbodied“ Poetics in Boulder, USA, und studierte die Arbeits- und Organisationsprinzipien einer „poetry school“. 1991 gründete er gemeinsam mit Sonja Moor, Christian Loidl, Christine Huber und Gertraud Marinelli-König die Schule für Dichtung in Wien, an der in der Folge H.C. Artmann, Wolfgang Bauer, Gerhard Rühm, Allen Ginsberg, Anne Waldman, Ed Sanders, Inger Christensen, Henri Chopin, Gert Jonke, Blixa Bargeld, Nick Cave, Falco, Sainkho Namtchylak, Marlene Streeruwitz, Robert Schindel, Ayu Utami, Humberto Ak’abal, Peter Rosei, Anne Tardos und viele andere namhafte Autorinnen und Autoren unterrichteten. 1992 erschien die CD „30 Rufe“, auf der Gedichte mit Audio-Samples, Drumcomputer, Solo- und Chorstimmen zu hören sind. 1993 unternahm Hintze auf Einladung Miguel Barnets und des kubanischen Schriftstellerverbands UNEAC eine Lesereise durch Kuba, die ihn nach Havanna, Cienfuegos und Holguín führte. Im selben Jahr unterrichtete er als erster westlicher Autor am Literaturinstitut Nguyen Du in Hanoi (Vietnam). 1996 initiierte er gemeinsam mit Fernando Rendón, Angela Garcia und Gabriel Jaime die Gründung der „escuela de poesía“ in Medellìn, Kolumbien.Yo quisiera la delicia Medellín, Kolumbien 1998 realisierte er im Kurbad Oberlaa das Projekt „Schreiben im Wasser“. Hintze wollte herausfinden, ob die phylogenetische Herkunft des Menschen aus dem Wasser etwas mit der Entstehung von Sprache und mit Phänomenen wie Reim und Refrain zu tun hat.
2000er 2000 erschien die CD „[ampf]“, eine Sammlung von zum Teil sehr kurzen, mit Hilfe der Programme SampleCell und ProTools produzierten asemantischen Audiopoemen. 2004 nahm Hintze an der österreichischen Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest teil und erreichte den dritten Platz. Sein Beitrag, der Song „Link Love!,“ ist ein Statement gegen Rassismus und für gegenseitiges kulturelles Verständnis. Der Text besteht aus vielsprachigen Versionen von I love you. Im selben Jahr produzierte er anlässlich „75 Jahre Radio“ gemeinsam mit dem Komponisten Wolfgang Mitterer für den ORF das Auftragswerk „Langsam Mahlen“. 2007 trat Hintze mit einer Auswahl seiner performativen Poesie am Mailänder „Spazio Teatro No'hma“ auf. 2008 entwickelte er die auf Videoclips basierende Online-Plattform „ide7fold“ide7fold Online-Plattform von Christian Ide Hintze, die erstmals eine integrale Darstellung seines Werks in den Kategorien „akustisch, visuell, literarisch, performativ, interaktiv, infrastrukturell“ und „instruktiv“ erlaubte. Die damit zusammenhängende „7-dimensionale Poetik“ (7fold poetics) präsentierte Hintze im November 2008 am finnischen Orivesi College of Art, im Februar 2009 an der Universität von Barcelona und im Oktober 2009 im Rahmen des internationalen Poesiefestivals von Oslo. Oslo 2009 Teilhaber des Unternehmens „acolono kg - produktion und vertrieb von zeitgenössischer kunst“. 2010 erschien die DVD „nantzn“, die 72 Stücke seiner asemantischen, performativen Poesie enthält.
Die Familie von Christian Ide Hintze gab am 20. Februar bekannt, dass der Autor in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 2012 in seiner Wohnung in Wien an akutem Herz-Kreislaufversagen verstorben sei. Hintze war Vater eines Sohnes.
Werke (Auswahl) akustisch Clavier-Apophthegmata. Gedichte für Sprechstimme und Klavier. Tonband, 18cm. P-Tapes, Wien 1983 30 Rufe. Gedichte mit Audio-Samples, Drumcomputer, Solo- und Chorstimme. CD. extraplatte, Wien 1992. EX 162C [ampf]. Notes, Poems, Sequences & Songs. CD. Extraplatte, Wien 2000. EX 462-2 Literaturhaus, Wien link love!. Songs und Videoclips. CD. Alphabet / Modena, Wien 2004. LC 08340 visuell Der Blick aus meinem Fenster. Super-8-Film. Farbe, 3 Minuten. ORF, Österreich 1974 Aus der Ferne lesbar. Plakataktion. Esslingen 1976 I-JAPA. Visuelle und gestische Poesie. Video. P-Tapes, Wien 1983 mmm. Nichtalphabetische Buchstabenzeichnungen. Video und 136 Zeichnungen. P-Tapes, Wien 1983, und WTG, Wien 2006 literarisch Zettelalbum. Straßentagebuch, Flugzetteltexte, Briefe von Passanten. Buch. 222 Seiten. Michael Schönemann Verlag, Kisslegg 1978. ISBN 3-921825-12-1 Die goldene Flut. 129 Gedichte. 200 Seiten. Buch. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1987. ISBN 3-462-01815-9 Die lyrische Guerilla. Flugzettel, Reden, Interviews, Fotos, Aussendungen. Literatur zur Infrastruktur der Literatur. 1975–1992. Buch. edition selene, Klagenfurt 1993. ISBN 3-85266-011-4 La creciente dorada. 54 Gedichte. 116 Seiten. Mit einem Vorwort von Sonia Bravo Utrera und einem Klappentext von Esteban Moore. Buch. Editorial Graffiti, Montevideo 1996. ISBN 9974-551-59-5 Autoren als Revolutionäre. Dialoge mit Henri Chopin, Mircea Dinescu, Gioconda Belli, Anne Waldman, Allen Ginsberg, Ryszard Dreger, Anna Leska. Buch. edition selene, Wien 2002. ISBN 3-85266-176-5 Gangway, Wien performativ Kundgebung der Anwesenden. Instant Street Drama. Salzburg 1976 Gold im Ofen. Theaterstück. Wiener Festwochen, Wien 1981 SPIN-NEN-AN-N. Langgedicht für Sprechstimme, Situation und Saxophon. Video. Edition Wienstärke-6, Wien 1986 Ceremonia di destituzione dalla carica de Kurt Waldheim. Aktion in einem Audio-Video-Schrift-Ambiente. Video. Advanced Visions. Rom 1988 nantzn. Asemantic performance poetry. DVD. Modena / [a:o], Wien 2010. ISBN 978-3-9502923-0-5 mamama papapa. Phonetic/graphemic performative dialogue with Emil Siemeister. DVD. Modena / [a:o], Wien 2010. ISBN 978-3-9502923-1-2 interaktiv Zettel. Flugblätter. Österreich, Deutschland (BRD+DDR), Holland, Schweiz 1974–78 E1. Kartenspiel für ein verstreutes Publikum. P-Papers, Wien 1977 IPPOI. Interactive Internet-Plattform. Austrian cultural forum New York, New York & internet 1995 internet-icons. Emoticons. Interaktives digitales Klassenzimmer. Schule für Dichtung, Wien & Internet 1997 infrastrukturell L-LI-OBO. 4-monitor installation in a wooden box. 4 looped videos. Body-voice-audio-video-dialogues. Mit Henri Chopin. Wells 1984 I-Tetralogie. Multimediales Sprachwerk. 1 Kartonbox mit xerokopierten Blättern, 1 Tonband, 2 Videobänder. P-Tapes, Wien 1984 Temple LI-TE. Closed circuit 4-media Installation im öffentlichen Raum. 4 Buchstabenskulpturen, 1 Trompetenkreuz, 1 Hütte. 11 Monitore, 3 Kameras, 22 Videotapes, 1 Schreibmaschine, 1 Tisch, 1 Sessel, 1 Bett. Sponsored by Grundig Austria, Wien 1984 instruktiv Poly Poetyca. Video. How I work with audio, video, voice, body & script. Wien 1988 Crixtian Idê Hintóxó, Viêt Nam. Dokumentation einer Lehrtätigkeit in Hanoi. Video. Farbe, 120 Minuten. Literaturinstitut Nguyên Du, Hanoi 1993 Voz y cuerpo. Dokumentation einer Lehrtätigkeit in Medellín. Video. Farbe. 60 Minuten. Produziert von Rodrigo Correa, Medellín 1996 Schreiben im Wasser. Dokumentation einer Lehrtätigkeit im Wasser. Video, Farbe. 20 Minuten. Edition Wienstärke-6 in Kooperation mit Helga Pesserer, Schule für Dichtung und Kurbad Oberlaa, Wien 1998 Internet Icons. Dokumentation einer Lehrtätigkeit im Internet. Materialien in: Orhan Kipcak, Barbara Ruhsmann (Hg.): 5 Internetklassen. Buch. edition schule für dichtung, Passagen Verlag. Wien 2000. ISBN 3-85165-438-2 Poetry in times of transition. Video auf www.ide7fold.net. Text in: Glòria Bordons (Hg.): Poesia contemporània, tecnologies i educació. Buch & DVD. Publicacions i Edicions Universitat de Barcelona. Barcelona 2010. ISBN 978-84-475-3430-2
Arbeitsbeispiele
Die goldene Flut Hintzes Buch Die goldene Flut, eine poetische Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der vagantischen Persönlichkeit, ist 1987 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln erschienen. Seine, nach „Zettelalbum“ (1978) und „Arktische Hysterie“ (1982) dritte rein literarische Publikation wurde von der Kritik ausführlich gewürdigt und in mehrere Sprachen übersetzt.
Beiträge (Auswahl) Fugzettel, Gedichte, Prosa, Essays, Partituren, Performances, Zeichnungen, Audios, Videos, Installationen Ulcus Molle Info. Zeitschrift. Hrsg.: Josef Wintjes. Nonkonformistisches Literarisches Informationszentrum. Bottrop, Deutschland 1976 Aufschäumende Gedichte. Lyrikanthologie. Seite 34 bis 38. „Hey Alter“, „Bei weitoffenem Auge“ und andere. Verlag Azid Pesse, Amsterdam 1978. ISBN 90-70215-04-7. VIDEO CD. Festival. Kuratiert von Marie-Claude Vogric, Miha Vipotnik. Ljubljana, Slowenien 1983 Cantrills Filmnotes, issue 43/44. Zeitschrift. Hg. von Arthur & Corinne Cantrill. Melbourne, Australien 1984